Alle Jahre wieder - und heuer doch völlig anders: Weihnachten im Nordosten Brasiliens.
Pernambuco ? die Heimat des Forró. Wer denkt, es handle sich dabei um einen speziell brasilianischen Weihnachtsbrauch, irrt ganz gewaltig. Forró ist eine ganz besondere Musikrichtung, die vor allem im Nordosten Brasiliens beliebt ist. Am ehesten vergleichbar ist sie vielleicht mit einer modernen, flotteren Version unserer Volksmusik. Bloß brasilianisch halt. Und die Texte sind ein bisschen schlüpfriger. Nicht umsonst heißen die zwei aktuell beliebtesten Forró-Bands "Calcinha Preta" (Schwarzes Höschen) und "Afrodite". Was das mit Weihnachten zu tun hat? Viel, denn außer Forró hört man zumindest im Nordosten nur Songs à la "Jesus, du bist meine einzig große Liebe".
Vor allem in den ärmeren Gegenden Brasiliens hat sich der Katholizismus verstärkt gehalten. Der Großteil der Menschen hier ist stark gläubig in einer Form, die uns Mitteleuropäern schon beinahe absurd erscheint. So steht zum Beispiel an der Innenseite unseres Transport-Toyotas zu lesen: "Jesus ? Das Geheimnis meines Erfolges" zusammen mit einem Bild der Gottesmutter Maria "Die Mutter meines Herrn". Umso überraschender erscheint es, dass sich in Brasilien relativ wenige europäische Weihnachtstraditionen gehalten haben. Es gibt beispielsweise keine Vorbereitungszeit, keinen Advent. Auch traditionelle Weihnachtslieder werden kaum gespielt und wenn, dann handelt es sich meistens um eine aktualisierte Forró-Version (daher der Zusammenhang...). Dabei mutet es doch etwas seltsam an, Klassiker wie "Stille Nacht, heilige Nacht" oder "Jingle Bells" über das mit allerlei Marktgelände von Surubim tönen zu hören, und das auf Portugiesisch.
Der Weihnachtsbaum wird in Brasilien bereits Anfang Dezember aufgestellt und geschmückt. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine Plastiktanne, zur Not werden auch Palmen und Gummibäume umfunktioniert. Der Weihnachtsschmuck übertrifft in Brasilien jegliche europäische Erwartung. Alles glitzert, glimmt und blinkt. Je mehr desto besser.
Am Abend des 24. Dezember kommt in Brasilien weder das Christkind, wie in unseren Breiten üblich, noch die Heiligen Drei Könige (wie zB in Spanien üblich). Ganz nach amerikanischem Vorbild ist es "Papai Noël", der Weihnachtsmann, der die Geschenke bringt. Die "Véspera de Natal", der Weihnachtsabend, steht wie bei uns im Zeichen der Familie, gespeist wird jedoch ebenfalls traditionell amerikanischer Truthahn und am Morgen des ersten Christtages "Salada de Bacalhão" (Salat mit Kartoffeln, weißen Bohnen und Polardorsch). Dazu gibt es Walnüsse und "Rabanada" (süßes Milchbrot mit Zucker und Zimt).
Die gläubige Bevölkerung trifft sich zur "Missa do Galo", der Christmette, alle anderen erwarten ebenfalls sehnsüchtig die Mitternacht, denn dann ist es Zeit, die Geschenke auszutauschen. Dies geschieht häufig in Form des Spiels "Amigo culto". Dabei werden die Namen der zu Beschenkenden notiert und die Zettel in einen Beutel gesteckt. Jeder zieht den Namen eines der Anwesenden und die anderen müssen raten, wer von wem beschenkt werden soll.
Mein persönliches Weihnachten fiel heuer etwas eigenartig aus. Zum ersten Mal feierte ich nicht mit Eltern, Familie und Freunden in Westendorf. Ebenfalls zum ersten Mal kletterte das Thermometer auf knapp 40°. Da Leos Mutter evangelisch ist und es aus diesem Grund vorzieht, Weihnachten nicht zu feiern, gab es in Umbuzeiro für mich nicht viel zu erleben. Wir machten uns also auf in das Nachbardörfchen Bom Jardim, wo wir einige Freunde und Bekannte Leos trafen und ganz friedlich DVD schauten. Der Bus zurück nach Umbuzeiro kam nicht wie geplant um 19.00 (es gibt täglich nur drei), weshalb wir eine Stunde an der Haltestelle saßen. Zumindest mit einem selbstgekauften fetten Stück Schokotorte zum Trost. Zu Hause erwartete uns gähnende Leere und Harry Potter II im Fernsehen, den ich mir mit Freuden zum fünften Mal anschaute. Leo wird stattdessen nun, nachdem ich ihm eine erste Lektion in Pottermanie gegeben habe, die Bücher lesen. Wer?s glaubt wird selig.
Besonders besinnlich fällt sich also nicht aus, die brasilianische Weihnachtszeit. Was jedoch auch den Brasilianern wichtig ist, sind Freunde und Familie, mit denen die Feiertage verbracht werden. In diesem Sinne, nachträglich Frohe Weihnachten!!!
#anita klingler




















