Mambembe und Reggae - Anita berichtet von Ausflügen nach Campina Grande und Recife.
Da war ich nun. In einem (tschuldigung) Kaff irgendwo im Nirgendwo, das in mir vermutlich seinen zweiten Gringo gesehen hat. Faszinierend, wie schnell Erinnerungen an Big Brother ? Das Dorf hochkommen (nicht, dass ich das jemals gesehen hätte...). Die Menschen sitzen in den Straßen und beobachten jeden deiner Schritte. Bevor du die nächste Ecke erreichst, hat sich dein Vorhaben, einen Ausflug nach Campina Grande, die nächste größere Stadt, zu unternehmen, bereits wie ein Lauffeuer verbreitet. Ich fühlte mich dementsprechend wohl in meiner Haut. Nicht jeden Tag wird man als Eindringling in den dörflichen Alltag betrachtet. Auch eine Erfahrung.
Jedenfalls fühlte ich mich bereits um einiges wohler in den großstädtischen Weiten Campina Grandes, wo wir zwei Tage mit Danilo und seinem Onkel Sandy verbringen sollten. Meine Mission war es, irgendwo doch noch ein Geschenk für Leos Mutter aufzutreiben, die zwar Weihnachten nicht feiert, aber sich doch über eine Kleinigkeit freuen dürfte. Meine Frage an Leo, was ich denn mitbringen sollte, war nicht besonders hilfreich. "Schenk ihr einfach etwas, das von Herzen kommt." Ich brachte also eine schöne Sonnen-Halskette aus Rio mit, worauf mir Leo prompt erklärte, dass die Dame (ebenfalls aus religiösen Gründen) keinen Schmuck trägt. Na wunderbar.
Am Abend erwartete uns allerdings eine Überraschung. Nach elendig langen und faden Präsentationen des (potenziellen?) Tanznachwuchses der Stadt kündigte die mit überdurchschnittlich viel Atemluft ausgestattete Moderatorin (kann man tatsächlich eine halbe Stunde reden ohne zu atmen?) das "Auto do Menino Jesus" an, ein Theaterstück über die Geburt Jesu Christi. Dabei handelte es sich jedoch nicht um ein normales Theaterensemble, sondern um eine Truppe des Theaters Mambebe. Diese Form des Theaters hat ihre Wurzeln im europäischen Mittelalter. Damals gründeten sich Theatergruppen, die von Stadt zu Stadt zogen. Die Akteure wurden "Saltimbancos" genannt, "die ihre Häuser auf dem Rücken tragen". Das Repertoire reichte von Komödie bis Drama. Dabei war das Nomadenleben der Truppe keine freie Entscheidung. Die damals noch einflussreichere Kirche duldete kein profanes Theater, weshalb die Saltimbancos gezwungen waren, ihre Zelte jeden Tag woanders aufzuschlagen. Die Verfolgung durch die Kirche ging soweit, dass die Akteure begannen, ihre Gesichter mit Masken zu bedecken, um nicht erkannt zu werden. Aus dieser Tradition heraus entstand auch die heutige Form des Zirkus. In Brasilien ist diese fantastisch bunte und faszinierende Form des Theaters heute unter dem Namen Mambembe bekannt.
Gleich am ersten Weihnachtstag ging mir Umbuzeiro bereits wieder auf den Geist. Stille, Meditation, unendlich weites Land - alles schön und gut. Doch mir gingen die Bücher aus. Außerdem wollte ich so viel wie möglich der Region kennen lernen. Also auf nach Recife! Hmmm. Gar nicht so einfach. Toyota nach Orobó, anderer Toyota zur Kreuzung São João, noch einer bis nach Limoeiro, wo dann ein Bus nach Recife fahren sollte. Den wir beinah verpasst hätten. Der Oberhammer war allerdings unser Busfahrer, der irgendwann anhielt, ausstieg und in ein Geschäft mit Hängematten rannte. Man sah ihn zwischen den aufgespannten Matten verhandeln, dann verschwand er und rannte kurz darauf wieder in Richtung Bus, eine Art Sitzmatte unter den Arm gekrallt.
In Recife hatten wir uns mit Sandy verabredet, der uns typisch brasilianische Anweisungen gab, welche Bus wir zu nehmen hätten, um zu ihm nach Haus zu gelangen. Ohne Kommentar. Dafür wurden wir dann auch gleich seiner gesamten Familie vorgestellt, die sich zum nachweihnachtlichen Brunch getroffen hatte. Immerhin hat der Gute ja nur 11 Geschwister. Dafür war die Stimmung hervorragend und für Essen und Musik wurde wahrlich gesorgt. Sandy spielt Gitarre wie ein Gott, Flamenco, Tango, Samba, Bossa Nova - was das Herz begehrt. Und zitiert zwischendurch Schopenhauer.
Recife, die Hauptstadt Pernambucos und das Venedig Brasiliens, ist vor allem für seine wunderbaren Strände bekannt. Der Name, übersetzt "Riff", weist bereits auf die vor der Küste liegenden Korallenbänke hin, die den Ozean daran hindern, allzu viel kaltes Meerwasser in die Buchten zu schwemmen. Tatsächlich gleicht die Temperatur des Wassers in Recife eher jener einer zugegebenermaßen extrem großen Badewanne. In den letzten Jahren geriet die Stadt jedoch verstärkt wegen der häufiger werdenden Haiangriffe in die Schlagzeilen. Bei Umstrukturierungsarbeiten wurde offensichtlich der Lauf einiger Meeresströmungen verändert, welche die Haie zuvor außen an den Riffs vorbeiführte. Nun werden die Meeresbewohner direkt in die Bucht gespült, weshalb es von Vorteil ist, sich nicht weiter als 20 bis 30 Meter vom Strand zu entfernen.
Dennoch hat Recife einen ganz besonderen Reiz. Vor allem nachts zeigt sich die kulturell irrsinnig reiche Stadt von ihrer besten Seite. Leider sind meine Dokumentationsmöglichkeiten in diesem Fall recht beschränkt, da pünktlich zu Weihnachten meine Kamera den Geist aufgab. Vor allem das Lichtermeer und die zahlreichen kleinen Veranstaltungen sind aber unbedingt sehens- und erlebenswert Die Stadtregierung kümmert sich scheint's sehr darum, lokale Musik und Kultur zu fördern. Im Zentrum finden häufig kleinere Konzerte statt, gratis. Wir erfreuten uns im Fall an einem ausgezeichneten Reggae-Konzert von Bands aus der Umgebung, bevor es erst wieder nach Umbuzeiro und am selben Tag zurück nach Rio ging. Und ratet, was mir mein Nachbar auf der anderen Bank für einen Soundtrack bescherte. Ja genau, Calcinha Preta.
#anita klingler























