Aus der Traum vom Hexa-Campeão! Am vergangenen Samstag zerstörte die französische Mannschaft die Hoffnungen des brasilianischen Volkes. Die Niederlage in Frankfurt trübt die Fußballleidenschaft jedenfalls nur kurzfristig, konnte es doch nur "azar", also einzig und allein pures Pech sein, dass es diesmal nichts wurde mit dem Weltmeistertitel. Dann halt das nächste Mal. Chronik eines Fußballmonats.
Fußballbegeisterte dieser Welt, euer König ist Brasilianer und residiert in der Cidade Maravilhosa. Schon Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft verschönerten Tausende Freiwillige die Straßen Rios mit bunten Bändern und Zeichnungen, sogar Gehsteigbegrenzungen und Orelhões ("große Ohren", die brasilianischen Telefonzellen) erstrahlten in Grün-Gelb. Es wurde sogar ein Wettbewerb für die am schönsten geschmückte Straße ausgeschrieben; ob den tatsächlich jemand gewonnen hat, weiß allerdings keiner.
13. Juni 2006: Brasilien : Kroatien (Berlin)
Bereits auf dem Weg zur Uni wurde klar, dass dies kein Tag wie jeder anderer werden würde. Um halb 9 Uhr früh kämpfte ich mich mühevoll gegen den Strom aus grün-gelb gewandeten Menschen in Richtung Süden vor, wurde an der Ecke des Palácio do Catete beinah von einem fahnenschwingenden Brasilien-Shirt-Verkäufer umgeweht und musste doch leicht grinsen, als ich die "Verpackung" eines Hauses in der Rua Silveira Martins zu Gesicht bekam. Besonders während der Fußball-WM ist es wichtig, sich zu seinem Land zu bekennen. Dabei sind viele Brasilianer der Meinung, nicht in einem Land sondern mehr oder minder in einem eigenen Kontinent zu leben. "Es gibt nicht ein Brasilien, es gibt viele Brasiliens. Nur zur Weltmeisterschaft halten alle zusammen wie Pech und Schwefel.", meinte letztens auch mein Freund Califa, selbst in ein Shirt der Seleção brasileira gehüllt. In der Tat reichte die Palette von Brasilien-Shirts über Fahnen und Wimpel zu Hosen, Ketten, Armbändern, Haarspangen, Fingernägeln mit sorgfältig aufgemalter Flagge, Bikinis und gelb-grün gestreiften Wollmützen. Immerhin haben wir hier ja jetzt Winter, es hat untertags also durchschnittlich nur noch 25 Grad... Selbst Häuser (siehe Foto), Autos (siehe nächstes Foto) und Hunde schillern in den Landesfarben verpackt und werden bevorzugt mit einem Schild "Nicht zu verkaufen" zur Schau gestellt. Wenn schon, denn schon.
Zu meinem Glück fand das Spiel gegen Kroatien erst um 16.00 Ortszeit statt, ich hatte also genug Zeit, mich nach meinem Kurs noch seelisch auf die kommenden Strapazen vorzubereiten. Man sollte meinen, die Warnung meines Professors, zu Mittag sperrten alle Geschäfte zu, wäre ein Witz. Nein! Um 13.00 glich das Zentrum mehr oder minder einem Ameisenhaufen regster Betriebsamkeit. Geschäftsbesitzer und Verkäuferinnen lieferten sich einen heißen Wettkampf darin, die Läden so schnell wie möglich dicht zu machen, um rechtzeitig zu Beginn des Spiels an den Ort der Begierde zu gelangen. Angesichts des ernstzunehmenden Staus in der Innenstadt wohl kein schlechter Plan. Die einzig Tapferen, die sich nicht so schnell vertreiben ließen, waren die Brasilien-Shirt-Verkäufer im Mercado Popular Uruguaiana, die sich gegenseitig lautstark in ihren Preisen unterboten. Dies war die Geburtsstunde meines ersten Brasilien-Fußballshirts.
Meine ganze "galera" pilgerte ins "Alzirão", einer Straße in Tijuca, wo eine angeblich riesengroße Leinwand auf uns warten hätte sollen. Schon in der Metro schwante mir Übles. Ein kurzfristiger Erstickungsanfall nämlich. Dem Ruf waren offensichtlich noch einige wenige Tausend andere Menschen gefolgt. Wenigstens musste so niemand nach dem Weg fragen. Immer den gelb-grünen T-Shirts nach! Von der "riesigen" Leinwand bekamen letztlich allerdings nur die in den umliegenden Hochhäusern Wohnenden wirklich etwas mit, weshalb wir uns zur nächstgelegenen Bar mit Fernseher vorkämpften. Leider waren wir auch hier nicht die Einzigen mit dieser glorreichen Idee. Als sicheres Indiz für das erste brasilianische Tor konnte also nur das Geschrei der auf und ab hüpfenden Menschen rund um uns herum und der Sprühschaum auf unseren Gesichtern gewertet werden. Unsere Chance kam in Form der Halbzeit und wir nützten sie, um in den inneren Kreis rund um den Fernseher vorzustoßen. Die zweite Halbzeit enttäuschte spielerisch zwar ein wenig die Erwartungen (so gesehen hätten wir uns genauso gut auf das Geschrei der Umstehenden verlassen und einfach mithüpfen können), doch dafür entschädigten reichlich Bier, Zuckerwatte und frisch gebrannte Mandeln.
18. Juni 2006: Brasilien : Australien (München)
Das zweite Spiel verlief in meinem Falle etwas weniger aufregend als das erste. Sonntag Mittag ist ja nun nicht unbedingt die produktivste Zeit der Woche. Ich machte es also wie viele Cariocas an diesem Tag, schleppte einiges an Essen und Saft nach Hause, kochte mir ein schönes Mittagessen und machte es mir mit meiner Mitbewohnerin Véronique vor dem leicht angegrünten Fernseher gemütlich (jemand hatte die Fernbedienung verschafelt und beim Versuch, die Farben am Fernseher selbst zu korrigieren, verstellte ich aus Versehen gleich alle Kanäle...). Fad, aber fein.
22. Juni 2006: Japan : Brasilien (Dortmund)
Dafür wurde das dritte Spiel wieder in aller Herrlichkeit zelebriert, mit Fernseher auf der Dachterrasse und Festmahl. Wir trafen uns alle im Haus von Califa im Ramos, einem Viertel im Norden der Stadt.
Der Tag begann bereits hervorragend. In der Uni wurden die möglichen Prüfungstermine für den Abschluss des Semesters diskutiert. O-Ton: "Nein, der nächste Dienstag geht nicht, da spielt Brasilien." Man möchte meinen, diese Aussage käme von einem Studenten. Falsch geraten.
Bereits die Fahrt in den Ramos, normalerweise eine Sache von gut zwanzig Minuten, dauerte über eine Stunde. Selten wird es einem so klar, tatsächlich in einer lateinamerikanischen Metropole zu leben, wie im Stau steckend. Dabei bewahrheitete sich einmal mehr Murphys Gesetz: der andere Bus ist immer schneller. Unglaublich, welche Menschenmassen sich vom Fußball inspiriert heimwärts bewegten. Hie und da wurde die graue Masse an Fahrzeugen von gelb-grün verpackten Vehikeln unterbrochen, wer noch immer kein "offizielles" T-Shirt besaß, hatte wenigstens ein ansatzweise gelbes oder grünes Leiberl aus dem Kleiderschrank herausgezogen, um seine Mannschaft auch optisch zu unterstützen.
Das Spiel selbst verfolgte die ganze "galera" auf der Dachterrasse von Califas Haus, ausgestattet mit Köstlichkeiten aus Márcias Küche. Auch in der Nachbarschaft wurde gefeiert, was die unweigerlichen Feuerwerke und der Geruch von gegrilltem Fleisch bewiesen. Ein erneuter Sieg für Brasilien, aber man hatte ja nie etwas anderes erwartet...
27.06.06 Brasilien : Ghana (Dortmund)
Zum Spiel gegen Ghana traf ich mich mit Thomas und Anne Iris in der wunderschön geschmückten Rua Corréia Dutra, wo ein Fernseher mit Beamer und improvisierter Leinwand auf uns wartete. Etwa alle halbe Minute wurde aufgrund technischer Gebrechen das Bild unscharf bis nicht existent, was unweigerlich laute Proteste zur Folge hatte. Leid tat mir auf jeden Fall das arme Würstel mit dem 5-Meter-Besen, das versuchte, die Decke aus schwarzem Stoff vor dem Wind bzw. vor dem Einstürzen zu schützen. Viel sahen wir auch diesmal nicht, Brasilien gewann und gefeiert wurde trotzdem. Schade eigentlich, Ghana hätte ich den Aufstieg wirklich gegönnt.
1.07.06 Brasilien : Frankreich (Frankfurt)
Zum Spiel gegen Frankreich erklärte ich mich mit meiner Mitbewohnerin Véronique solidarisch, die meinte, sie würde sich aus Sicherheitsgründen nicht auf die Straße trauen. Sie tat gut daran, denn allein die Kommentare der anwesenden brasilianischen Mitbewohner konnten einem gehörige Angst einflößen. Als Französin allein unter Brasilianern beim Stand von 1 : 0... Letztlich erkannten auch diese neidvoll an, dass ihre Mannschaft gehörig versagt hatte. Aber wie sagt es sich so schön: "Quem não faz, leva." (Wer die Tore nicht macht, bekommt sie.)
Feuerwerk gab's trotzdem, Feste auch, denn das Fleisch war schließlich gekauft, das Bier eingekühlt. Die Stimmung in den Straßen war zwar etwas getrübt, aber man kann sich ja durchaus auch aus Frust betrinken. Eines muss man den Brasilianern wirklich lassen, sie feiern die Fußballfeste, wie sie fallen und am nächsten Tag ist alles vergessen (bis auf den Kater natürlich). Mit neuem Mut ging das ganze Land nun daran, die alten Kolonialherren leidenschaftlich zu unterstützen, ist doch wenigstens deren Trainer, Luiz Felipe Scolari, Brasilianer. Schade, auch das war wohl nix.