Von 27. bis 29. Oktober fand in der Marina da Glória das Tim-Festival statt. Brasilianische Festivalkultur live beobachtet von Anita in Rio.
Große Namen hatten sich dieses Jahr angesagt, um den Cariocas so richtig einzuheizen (nicht, dass es inzwischen nicht heiß genug wäre...). Patti Smith, The Yeah Yeah Yeahs und die Beastie Boys waren mit von der Partie, sogar Caetano Veloso persönlich hatte sich kurzfristig angesagt. Daft Punk, Amadou et Mariam und Devendra Banhart ließen am Freitag die Woche ausklingen, wobei sich letzterer wohl selbst die Show stahl. Wochenlang hatte ich mich auf dieses Konzert gefreut, doch nicht zu Unrecht gilt die Vorfreude als die schönste Freude.
Dabei fing alles ganz rosig an. Meine Mitbewohnerin Aude und ich latschten mit vernachlässigbarer Verspätung los. Wir hatten es ja nicht weit, da die Marina quasi direkt vor unserer Haustür liegt. Nur schnell über vier vierspurige Straßen gehuscht, dann waren wir auch schon angekommen im Land der Wunder(bar hohen Preise). Schon zwanzig Meter vor dem Eingang empfing uns die erste Polizeistreife in Gestalt ganzer zwei Mann, die allerdings nur rauchend und fachsimpelnd am Auto lehnten. Ab ging?s durch den Metalldetektor, um zu gewährleisten, dass auch niemand ermordet würde. Zumindest nicht mit Schusswaffen. Sowohl der aus Sicherheitsgründen mitgeschleppte Pfefferspray als auch mein Haaraufsteckhölzchen (was auch immer...) blieben unentdeckt bzw. ?kommentiert. Ich hätte unser beider Leben also locker verteidigen können, was mich natürlich unheimlich beruhigte.
Weiter durch die Neonröhren beleuchteten Motorola-Allee, flankiert von Vitrinen mit Handys statt mit Bäumen. "Hello Moto", ich hätte am liebsten meinen Pfefferspray ausgepackt, würde der gegen Lautsprecher was nützen. Bereits um 22.30 trieben im so genannten "Village" einige DJs ihr Unwesen. Getreu den Erklärungen des netten Herren am Eingang hielten wir uns an das erste Zelt links und fanden uns prompt in einem großen, mit rotem, teppichartigem Stoff ausgelegten Konzert-Zelt wieder. Vorher hatten wir uns noch ein Eishörnchen geleistet, mit zwei Geschmacksrichtungen um 12 Reais. Zwei Kugeln Eis für knapp fünf Euro ist nicht schlecht, vor allem nicht im Vergleich zum brasilianischen Mindestlohn von R$ 350,-.
Da saßen wir also nun auf dem roten Teppich, den ich prompt mit einigen schokoladebraunen Flecken verschönte. Die Klimaanlage war ausnahmsweise nicht kalt genug, als dass mein Eis nicht doch recht schnell geschmolzen wäre. Aber man kann schließlich nicht alles haben. Es dauerte noch fast bis Mitternacht, also rund eineinhalb Stunden, bis sich auf der Bühne etwas rührte. Plötzlich fingen alle im Saal rund um uns herum zu kreischen und zu pfeifen an. Als der Grund der Aufregung in mein Blickfeld kam, kreischte ich ebenfalls los, allerdings nicht aus Freude sondern aus Überraschung. Wir waren natürlich bei den Franzosen von Daft Punk gelandet, anstatt bei Devendra Banhart. Großartig! Und wir hatten uns noch gewundert, warum denn bloß der Saal so groß und darin so viele Menschen mit Daft Punk-T-Shirts wären. Somit hatten wir zumindest auf diese beiden Fragen eine durchaus plausible Antwort.
Wir suchten also schreiend das Weite und in der Folge einen Menschen, der uns ins richtige Konzert bringen könnte. Stressig, stressig, über den Dorfplatz zu joggen. Nach einigen atemlosen Erklärungsversuchen durften wir nun "unseren", doch um einiges kleineren Saal betreten und uns über die brasilianische Sängerin Céu freuen, die ebenso verspätet begonnen hatte wie ihre französischen Musikerkollegen. Danach bescherten uns Amadou und Mariam einige sehr tanzbare Stücke. Afrikanische Rhythmen zusammen mit Einflüssen aus dem gesamten Pop- und Rock-Spektrum, eine Mischung, die funktioniert und Lust auf mehr macht. Umso gespannter waren wir auf den Auftritt unseres heiß begehrten Devendra, für den wir sogar das um einiges teurere Daft Punk Konzert sausen hatten lassen.
Fehler. Großer Fehler. Gibt es eigentlich keine Klausel, die besagt, dass man sein Geld zurück bekommt, wenn der Sänger im Suff fast von der Bühne kollert? Schade. Wie viel von dem Gehabe "Show" gewesen sein mag, kann ich an dieser Stelle nur erahnen, jedenfalls macht die (gute!) Band einen umherstolpernden Devendra leider nicht wett. Traurig, traurig. Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass es nur ein Woodstock gab. Völlig unlustig leierte der Gute sein Programm herunter, schnarlte mehr ins Mikro als er sang und spielte nur wiederwillig zwei (zumindest mir) völlig unbekannte Zugaben. Ja, ich sah Devendra. Ja, ich werde ihn mir wieder ansehen. Vielleicht auf einem richtigen Festival, mit dreckigen Dixi-Klos und einem ordentlichen Schlammbad. Vermutlich war Devendra einfach derartig angefressen über die sterile, wunderbar designte Beton- und Plastiklandschaft mit rotem Teppich, die sich hier Festival schimpfte, dass er sich schwindlig soff, um die optische Perfektion zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Wär ich nicht auf Antibiotika gewesen und hätte das Bier nicht zehn Reais gekostet, hätte ich vermutlich dasselbe gemacht.
# anita klingler
























































