... und es regnet (DÄ). Nicht nur Venedig droht, in Fluten und Morast zu versinken. Anita aus Rio.
Ich sah soeben meine erste ersoffene Ratte. Mag sein, dass ein Erlebnis wie dieses an anderen spurlos vorübergeht, an mir nicht. Manchmal wird man in dieser Stadt wirklich mit der Nase draufgestoßen, was alles tatsächlich nicht funktioniert. Das Abwassersystem zum Beispiel. Mal ehrlich, ich bin einiges gewöhnt. Ich sage nur Salzburger Schnürlregen. Aber was hier seit zwei Tagen abgeht, ist echt nicht mehr normal!
Akute Hochwassergefahr in einer Stadt am Meer. Nicht etwa, dass das Meer plötzlich überlaufen würde (geht ja schließlich auch schlecht...). Die Stadt verfügt bloß über ein mehr oder minder nicht existentes Kanalsystem. Beim kleinsten Regenguss füllen sich die unter anderem mit Müll vollgestopften Gullys bis zum Rand mit Wasser und gehen über. Da der Großteil von Rios Gehsteigen und auch ein Gutding der Straßen mit Steinen gepflastert sind, die sich im Laufe der Zeit entweder vom Fleck bewegen, absinken und Gruben bilden, oder einfach kaputt gehen und nicht erneuert werden, bilden sich allerorts Pfützen und Seen, die einem den Slalomlauf um ebendiese doch elendig erschweren.
Gestern Nachmittag traf mich jedoch wirklich beinah der Schlag. Eine Straße im Zentrum von Rio, in der die Autos daherschwammen. Ungelogen!!! Hätte ich meine Kamera mitgehabt, könntet ihr nun das Foto einer Straße bewundern, in der stolze 30 Zentimeter Wasser stehen. Vielleicht trau ich mich ja doch noch mal aus dem Haus, um euch zu beweisen, dass ich nicht lüge.
Rios Abwasserproblem besteht in Wahrheit aus unzähligen verschiedenen. Darf man den Worten meines Architekten-Mitbewohners Maurício trauen, sollte diese Stadt geographisch gesehen gar nicht existieren, zumindest nicht hier. Ganz Rio mit der Bahia (Bucht) de Guanabara ist ein hydrografisches Becken, eine Auffangstation für Wasser aus der gesamten Region. Der überwiegende Teil der ursprünglichen Vegetation wurde abgeholzt, um der Stadt und damit einem riesigen, aber nicht funktionierenden Landschaftsgartensystem Platz zu machen. Die Stadt wurde quasi im wahrsten Sinne des Wortes trocken gelegt und zu einem großen Teil mit einem Betonboden ausgestattet, der ein natürliches Abfließen des Wassers unmöglich macht. Zusätzlich bestand beispielsweise die heutige Ilha do Fundão früher aus einem Komplex von insgesamt sieben kleineren Inseln, die zu einer großen zusammengefasst wurden. Durch die Veränderung des Gefälles und der Flussläufe diesem Gebiet blieben diese natürlichen Abläufe von Regenwasser stehen und stinken heute im Wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel.
Früher existierten an Rios Küsten natürliche Feuchtgebiete, die als "Manguezal" oder "Mangue" bezeichnet wird und in tropischen und subtropischen Regionen vorkommt. Der Mangue bildet an der Mündung von Flüssen und in Buchten eine Pufferzone zwischen dem Festland und dem Meer. In diesem Biosystem findet eine Vielzahl von Vögeln, Säugetieren, Krustentieren, Fischen und anderem Meeresgetier Zuflucht und Futter. Da das Wasser ruhiger und wärmer ist, bevorzugen manche Fische diese Bereiche, um ihren Laich abzulegen. Erzählungen zufolge sollen früher sogar Wale in die Bucht von Guanabara gekommen sein, um ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen.
Heute gleicht die Bucht mehr einer Kloake, das natürliche Biosystem wurde vollkommen zerstört. Rio de Janeiros nicht funktionierendes Kanalisation besteht an sich aus zwei verschiedenen Kanalsystemen. Das Abwasser aus den Haushalten und Unternehmen muss erst aufbereitet werden, das Regenwasser und das überschüssige Wasser der zahlreichen kleinen Flüsse werden direkt in die Bucht geleitet. Zusätzlich wird bei einem Sturm über dem Meer oder bei hohem Seegang einiges an Müll angeschwemmt, was später beispielsweise am Strand von Botafogo hängen bleibt.
Ein weiteres Problem stellen die zahlreichen Favelas von Rio de Janeiro dar. Diese befinden sich häufig in an sich als unbebaubar geltenden Gebieten, da die hauptsächlich aus dem bettelarmen Nordosten Brasilien stammenden Zuwanderer kein Geld hatten, Baugrund in einem "normalen" Viertel zu erwerben. Besonders in Rio hat sich beispielsweise der Begriff "morro" (Hügel) als alternative Bezeichnung für die Slums eingebürgert. In diesen Armenvierteln sorgte man sich nicht besonders um die Konstruktion einer funktionierenden Kanalisation, häufig ist es auch heute einfacher und vor allem billiger, das Abwassersystem der Häuser direkt mit dem Regenwasserablaufsystem zu verbinden oder direkt in einen der zahlreichen kleinen Flüsse zu leiten. Dadurch gelangt auch ungeklärtes Abwasser direkt in die Bahia de Guanabara.
Auch Industrie, Petrochemie und die Hauptmülldeponie tragen ihr Übriges zur ohnehin schon prekären Situation bei. Die größte Mülldeponie Rios befindet sich nur etwa zehn bis fünfzehn Kilometer von der Bucht von Guanabara entfernt. Besonders bei starken Regenfällen wird die Deponie ausgeschwemmt und Giftstoffe gelangen in den Boden. Dabei verfügt Rio de Janeiro noch über eine relativ restriktive Gesetzgebung, die es Unternehmen bereits schwerer macht als in anderen Städten. Wie es dort aussehen muss, will ich allerdings wirklich nicht wissen.
#anita klingler















































































