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Erstellt am 17.03.08 16:54

Happy St. Patrick's Day!
[vor 172 Tagen von moblogger]

Erstellt am 11.03.08 16:34
nettes verlies in der festung

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Erstellt am 11.03.08 15:16
anemonenfisch aka clownfisch aka nemo


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Erstellt am 11.03.08 12:08
wow - salzburg von oben ist cool!

[vor 177 Tagen von moblogger]

Fotografiert am 07.12.07 22:32
das absolute hammerkonzert im rockhouse!

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Rio Blog 2.27
vor 644 Tagen | Kommentare [2] | Tags: anita, regen, reisen, rio, stories | Autor: anita

... und es regnet (DÄ). Nicht nur Venedig droht, in Fluten und Morast zu versinken. Anita aus Rio.

Regen in Rio; Bild: SN/anita

Ich sah soeben meine erste ersoffene Ratte. Mag sein, dass ein Erlebnis wie dieses an anderen spurlos vorübergeht, an mir nicht. Manchmal wird man in dieser Stadt wirklich mit der Nase draufgestoßen, was alles tatsächlich nicht funktioniert. Das Abwassersystem zum Beispiel. Mal ehrlich, ich bin einiges gewöhnt. Ich sage nur Salzburger Schnürlregen. Aber was hier seit zwei Tagen abgeht, ist echt nicht mehr normal!

Akute Hochwassergefahr in einer Stadt am Meer. Nicht etwa, dass das Meer plötzlich überlaufen würde (geht ja schließlich auch schlecht...). Die Stadt verfügt bloß über ein mehr oder minder nicht existentes Kanalsystem. Beim kleinsten Regenguss füllen sich die unter anderem mit Müll vollgestopften Gullys bis zum Rand mit Wasser und gehen über. Da der Großteil von Rios Gehsteigen und auch ein Gutding der Straßen mit Steinen gepflastert sind, die sich im Laufe der Zeit entweder vom Fleck bewegen, absinken und Gruben bilden, oder einfach kaputt gehen und nicht erneuert werden, bilden sich allerorts Pfützen und Seen, die einem den Slalomlauf um ebendiese doch elendig erschweren.

Gestern Nachmittag traf mich jedoch wirklich beinah der Schlag. Eine Straße im Zentrum von Rio, in der die Autos daherschwammen. Ungelogen!!! Hätte ich meine Kamera mitgehabt, könntet ihr nun das Foto einer Straße bewundern, in der stolze 30 Zentimeter Wasser stehen. Vielleicht trau ich mich ja doch noch mal aus dem Haus, um euch zu beweisen, dass ich nicht lüge.

Regen in Rio; Bild: SN/anita

Rios Abwasserproblem besteht in Wahrheit aus unzähligen verschiedenen. Darf man den Worten meines Architekten-Mitbewohners Maurício trauen, sollte diese Stadt geographisch gesehen gar nicht existieren, zumindest nicht hier. Ganz Rio mit der Bahia (Bucht) de Guanabara ist ein hydrografisches Becken, eine Auffangstation für Wasser aus der gesamten Region. Der überwiegende Teil der ursprünglichen Vegetation wurde abgeholzt, um der Stadt und damit einem riesigen, aber nicht funktionierenden Landschaftsgartensystem Platz zu machen. Die Stadt wurde quasi im wahrsten Sinne des Wortes trocken gelegt und zu einem großen Teil mit einem Betonboden ausgestattet, der ein natürliches Abfließen des Wassers unmöglich macht. Zusätzlich bestand beispielsweise die heutige Ilha do Fundão früher aus einem Komplex von insgesamt sieben kleineren Inseln, die zu einer großen zusammengefasst wurden. Durch die Veränderung des Gefälles und der Flussläufe diesem Gebiet blieben diese natürlichen Abläufe von Regenwasser stehen und stinken heute im Wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel.

Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita
Regen in Rio; Bild: SN/anita

Früher existierten an Rios Küsten natürliche Feuchtgebiete, die als "Manguezal" oder "Mangue" bezeichnet wird und in tropischen und subtropischen Regionen vorkommt. Der Mangue bildet an der Mündung von Flüssen und in Buchten eine Pufferzone zwischen dem Festland und dem Meer. In diesem Biosystem findet eine Vielzahl von Vögeln, Säugetieren, Krustentieren, Fischen und anderem Meeresgetier Zuflucht und Futter. Da das Wasser ruhiger und wärmer ist, bevorzugen manche Fische diese Bereiche, um ihren Laich abzulegen. Erzählungen zufolge sollen früher sogar Wale in die Bucht von Guanabara gekommen sein, um ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen.

Heute gleicht die Bucht mehr einer Kloake, das natürliche Biosystem wurde vollkommen zerstört. Rio de Janeiros nicht funktionierendes Kanalisation besteht an sich aus zwei verschiedenen Kanalsystemen. Das Abwasser aus den Haushalten und Unternehmen muss erst aufbereitet werden, das Regenwasser und das überschüssige Wasser der zahlreichen kleinen Flüsse werden direkt in die Bucht geleitet. Zusätzlich wird bei einem Sturm über dem Meer oder bei hohem Seegang einiges an Müll angeschwemmt, was später beispielsweise am Strand von Botafogo hängen bleibt.

Ein weiteres Problem stellen die zahlreichen Favelas von Rio de Janeiro dar. Diese befinden sich häufig in an sich als unbebaubar geltenden Gebieten, da die hauptsächlich aus dem bettelarmen Nordosten Brasilien stammenden Zuwanderer kein Geld hatten, Baugrund in einem "normalen" Viertel zu erwerben. Besonders in Rio hat sich beispielsweise der Begriff "morro" (Hügel) als alternative Bezeichnung für die Slums eingebürgert. In diesen Armenvierteln sorgte man sich nicht besonders um die Konstruktion einer funktionierenden Kanalisation, häufig ist es auch heute einfacher und vor allem billiger, das Abwassersystem der Häuser direkt mit dem Regenwasserablaufsystem zu verbinden oder direkt in einen der zahlreichen kleinen Flüsse zu leiten. Dadurch gelangt auch ungeklärtes Abwasser direkt in die Bahia de Guanabara.

Auch Industrie, Petrochemie und die Hauptmülldeponie tragen ihr Übriges zur ohnehin schon prekären Situation bei. Die größte Mülldeponie Rios befindet sich nur etwa zehn bis fünfzehn Kilometer von der Bucht von Guanabara entfernt. Besonders bei starken Regenfällen wird die Deponie ausgeschwemmt und Giftstoffe gelangen in den Boden. Dabei verfügt Rio de Janeiro noch über eine relativ restriktive Gesetzgebung, die es Unternehmen bereits schwerer macht als in anderen Städten. Wie es dort aussehen muss, will ich allerdings wirklich nicht wissen.

#anita klingler

Rio Blog 2.26
vor 654 Tagen | Kommentare [0] | Tags: anita, dia do zumbi, reisen, rio, stories | Autor: anita

Über Freiheitskämpfer, Quilombos und ein Konzert in Lapa. Anita aus Rio de Janeiro.

Dia do Zumbi; Bild: ReproduktionDer 20. November steht unter dem Zeichen der brasilianischen Schwarzenbewegung, die ihren Anfang in einem Mann namens Zumbi fand. Zumbi, was übersetzt "Zombie" bedeutet, war die Ikone des Widerstandes gegen die Sklaverei und wurde 1680 zum König des größten Quilombos aller Zeiten. Noch heute gedenkt man in Brasilien des Todes des Sklavenführers und feiert den Tag der "Consciência negra".

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gründeten rund 40 geflohene Sklaven aus Pernambuco und Bahia den Quilombo (autonome Gemeinschaft geflohener Sklaven) "Palmares", der als Auffangstation und Organisationszentrum des Widerstandes gegen die Sklaverei fungierte. Innerhalb kürzester Zeit nahm Palmares die Ausmaße einer Stadt an, bildete diverse "mocambos" (sinngemäß: Verzweigungen) und bot in seiner Blütezeit etwa 20.000 Einwohnern Schutz.

Die Bewohner von Palmares lebten hauptsächlich von der Fischerei, Jagd und dem Sammeln und Anbau von Obst und Gemüse. Erst später wurde das Kunsthandwerk als zusätzliche Einkommensquelle entdeckt und die Produkte mit Siedlern der Umgebung gegen Munition eingetauscht. Über die politische Organisation der Quilombos ist recht wenig bekannt, dennoch gab es immer einen Anführer, einen König. Die bekanntesten in Palmares waren Ganga Zumba und dessen Neffe Zumbi.

Als die Portugiesen Mitte des 17. Jahrhunderts die holländischen Einwanderer aus dem Nordosten vertrieben und die Arbeitskräfte weniger wurden, verstärkten sich gleichzeitig ihre Angriffe auf Palmares, um dessen Bewohner zurückzuholen und wieder zu Sklaven zu machen. Etwa zur gleichen Zeit wurde Zumbi geboren. Noch als Kind nahmen ihn portugiesische Soldaten gefangen und verschleppten ihn nach Porto Calvo, wo er dem Jesuitenpater Antônio Melo zur Obhut übergeben und auf den Namen Francisco getauft wurde. Erst im Alter von 15 Jahren gelang ihm die Flucht und er kehrte nach Palmares zurück, wo inzwischen sein Onkel Ganga Zumba die Macht ergriffen hatte. Francisco legte seinen christlichen Namen ab, wurde zu Zumbi und machte sich trotz seiner Jugend als Führer der Truppen seines Onkels verdient.

Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita
Dia do Zumbi; Bild: SN/anita

Das Ziel der Portugiesen war nicht die Zerstörung des Quilombos, es genügte ihnen dessen Unterwerfung. Um 1675 bot ein findiger Portugiese Ganga Zumba einen Friedensvertrag an, um ihn zu besänftigen. Der Plan ging auf und der König von Palmares akzeptierte die Bedingungen der Kolonialisten, sein Neffe Zumbi wehrte sich jedoch gegen den Gedanken, dass nur die Bewohner des Quilombos frei sein würden, andere aber immer noch als Sklaven dienen sollten. Nach dem Vergiftungstod Ganga Zumbas übernahm Zumbi den Thron von Palmares und rief den Widerstand gegen die Portugiesen aus. Nach jahrelangen heftigen Kämpfen gelang es den Portugiesen 1694, den größten "mocambo" von Palmares, die "Cerca do Macaco", zu stürmen. Zumbi, obwohl verletzt, flüchtete.

Aufgrund des Verrats eines seiner Kommandanten wurde Zumbi dos Palmares am 20. November 1695 gefangen genommen, gefoltert und enthauptet. Sein Kopf sollte noch jahrelang, bis zu seiner vollständigen Zersetzung, an der Praça do Carmo in Recife zur Schau gestellt werden.

Dia do Zumbi; Bild: SN/anitaIhr werdet euch nun natürlich fragen, was diese kleine Geschichtsstunde mit einem Konzert in Lapa zu tun haben soll. Viel. Noch immer gedenkt man in Brasilien der Haltung von Zumbi dos Palmares, der sich mit einem kleinen Sieg nicht zufrieden geben wollte, sondern die Freiheit für alle Sklaven forderte. Natürlich ist der Tag seines Todes zum offiziellen Feiertag geworden und jedes Jahr finden am 20. November Feiern und Konzerte zu Zumbis Ehren statt. Heuer fanden sich die Samba-Musikerin Beth Carvalho und das knapp 20 Mann starke Orquestra Imperial am Fuß der Bögen von Lapa ein, um den Cariocas den Feiertag zu versüßen. Und dreimal dürft ihr raten. Ja, ich war dabei.

#anita klingler

Rio Blog 2.25
vor 655 Tagen | Kommentare [7] | Tags: anita, reisen, rio, stories, weihnachten | Autor: anita

Es weihnachtet sehr. Zumindest im tropischen Brasilien. Und ja, jetzt schon. Anita aus Rio.

Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anitaEs ist mir eine Freude verkünden zu dürfen, dass der Weihnachtszirkus in Brasilien noch früher beginnt als in unseren Breiten. Angesichts der steigenden Temperaturen zugegebenermaßen eine etwas skurrile Partie, aber was soll's. Anfang Oktober begannen die ersten Geschäfte mit der Weihnachtsdeko, ich dachte, es könnte nicht mehr schlimmer werden. Irrtum. Großer Irrtum.

Mitte Oktober schlenderte ich die Rua do Catete entlang und traute meinen Augen nicht, noch weniger meinen Ohren. Da standen tatsächlich drei etwa 14-jährige Burschen auf dem Gehsteig mit Geigen in der Hand, den geöffneten Geigenkoffer vor sich stehend, und intonierten tatsächlich "Stille Nacht, Heilige Nacht". Hätte ich die Geistesgegenwart besessen, die Szenerie zu fotografieren, könntet ihr meinen dazugehörigen Gesichtsausdruck (mit offenem, zu einem paranoiden Grinsen verzogenen Mund) in etwa nachvollziehen.

Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anitaGerüchten zufolge (stand letztens im "Globo") hat der Weihnachtseinkaufs-wahnsinn heuer noch früher begonnen als sonst (wer hätte damit gerechnet?!?), da die Verkäufe letztes Jahr nicht so unbedingt berauschend gewesen waren. Was bringt da taktisch mehr als die Leute zu animieren, schon viel früher damit anzufangen, ihr Geld beim Fenster hinauszuwerfen. Doch halt, es gibt ja bei einigen unzähligen Geschäften die Möglichkeit, die Rechnung erst im nächsten März zu bezahlen. Damit sieht die Tinte, in der wir stecken, gleich viel besser aus* und dem Weihnachtseinkauf steht nichts mehr im Wege.

Soweit ich bis jetzt im Bilde bin, läuft Weihnachten in Brasilien tatsächlich nur auf Geschenkeinkauf und ?vergabe hinaus. Nicht, dass bei uns alles ganz anders wäre, aber wir halten doch bis jetzt halbwegs erfolgreich die Fassade des Friedens, der Eintracht und besinnlichen Zeit aufrecht. Mag nicht zuletzt am zutiefst unwirtlichen Wetter liegen.

Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita
Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anita

Hier in Brasilien gibt es kein Christkind, sondern nur den Weihnachtsmann, weder Advent noch den dazugehörigen Kalender, was ich persönlich besonders fad finde. Ich hatte zwar ohnehin nicht damit gerechnet, im brasilianischen Hochsommer in die vielzitierte Weihnachtsstimmung zu kommen, aber einen Adventkalender hatte ich bis jetzt noch jedes Jahr. Jaja, ich bin 23, es ist mir klar, dass ich eigentlich viel zu alt für solche Sentimentalitäten bin, aber manche Gebräuche kann man durchaus zelebrieren und sich deren gemäßigter Lächerlichkeit durchaus bewusst sein, wie ich finde. Es weihnachtet sehr; Bild: SN/anitaIch war bis vor kurzem auch der Meinung, dass ich sicher einige österreichische Weihnachtskeksrezepte auspacken würde, nicht zuletzt wegen des nicht funktionierenden Backrohrs werde ich mir die Arbeit aber vermutlich sparen. Tropische Weihnachten sind seltsam. Für ein Kind der Tiroler Berge vermutlich noch ein wenig skurriler als für die Bewohner der Kanarischen Inseln, aber auf jeden Fall sehr eigenartig. Ich muss gestehen, ich fange an, dem Auflauf am Salzburger Christkindlmarkt und sogar der Nachschneefall-Schlammschlacht nachzuweinen. Schrecklich, ich weiß.

Rios Nobelvorort Barra schlägt dem tropischen Weihnachtsfass allerdings wirklich den Boden aus. Vor drei Tagen begab ich mich mit ein paar Freunden in das größte Shoppingcenter aller Zeiten, um mir das Release-Konzert von Acustika, einer brasilianischen Mädelband, anzuhören. Nach gut eineinhalb Stunden im Stau tauchten wir ein in ein wahrlich gespenstisches LichtermeerEs weihnachtet sehr; Bild: SN/anita. Es blinkte rot, grün und gelb, und das in allen Richtungen. Mittendrin die Gitarre vom Hard-Rock-Café. Konnte es noch schlimmer werden? Zugegebenermaßen eine außerordentlich blöde Frage. Das Shopping Barra geht wirklich an die äußersten Grenzen des schlechten Geschmacks. Die Deko des Einkaufszentrums selbst wartet mit Christbaumkugel-Bäumen in diversesten Farben auf, während die Lojas Americanas "das größte Weihnachten Brasiliens" ausgerufen haben und sich in der Auslage eines Klamottengeschäftes ein tropischer DJ-Weihnachtsmann die Füße kühlt. Willkommen im Königreich des Kitsch! Brrrr. Da zieht?s einem wirklich die Schuhe aus.

#anita klingler

* Filmzitat; wer den Film kennt, wird von mir mit einer brasilianischen Weihnachtskarte belohnt. (Elgin, es tut mir leid, aber du zählst nicht; ich weiß, dass du es weißt, ist ja schließlich einer unserer running gags. ;-)

Rio Blog 2.24
vor 660 Tagen | Kommentare [4] | Tags: anita, reisen, rio, stories, wg | Autor: anita

Über absehbare Wahlausgänge, spanische Herbergen und einen Sommerbeginn mit Regengüssen. FRITZ-Mitarbeiterin Anita berichtet aus Rio de Janeiro.

L'auberge espagnhol; Bild: SN/anitaZeit ist's für ein persönliches Update zu meiner Gesamtsituation. Vor zwei Wochen hätte ich noch gesagt, ich sei mit ebendieser unzufrieden. Die brasilianische Präsidentenwahl ist vorbei, mein Kurzurlaub auch, keine Kohle, eine fade und zu teure Wohnung und das allwahljährliche Kasperltheater der österreichischen Polit(grotesk)iker. Das war einmal. Ich hab zwar immer noch keine Kohle und die Politiker bauen noch immer Schmarrn, aber dafür wohn ich seit rund einer Woche in einer richtigen "auberge espagnol".

Doch zurück zum Anfang. Wir haben einen neuen alten Präsidenten. Luis Inácio Lula da Silva (PT - Brasilianische Arbeiterpartei) Bild: SN/justiça eleitorialgewann die Stichwahl mit 60,83% vor seinem Kontrahenten Geraldo José Rodrigues Alckmin (39,17%; PSDB - Sozialdemokraten) und kann in den nächsten vier Jahren beweisen, dass sein Kurs richtig war. Er wünscht sich ein Wachstum Brasiliens ohne magische Formeln und gefährliche Seitenwege, doch genau das sei die große Herausforderung, meinte Thomas Traumann in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Época. Lula sei seit seiner Wahl 2002 davon besessen, sich mit historischen Persönlichkeiten der brasilianischen Politgeschichte zu vergleichen und eifere darum Staatsmännern wie Getúlio Vargas und Juscelino Kubitschek (beides brasilianische Präsidenten, ersterer 1930 bis 1945 und 1951 bis 1954, letzterer 1956 bis 1961) nach, um ebenso wie diese in die Geschichte einzugehen. Ein wahrlich ambitioniertes Unterfangen, wenn man den Stimmen meiner Bekannten trauen darf, die Lula vorrangig aus Mangel an Alternativen gewählt haben. "Ein guter Politiker ist einer, der unser Geld nicht zu offensichtlich klaut und es deshalb schafft, trotzdem ganz gut dazustehen.", Bild: SN/justiça eleitorialmeinte letztens mein Freund Leo. Lula selbst ist zuversichtlich, dass diesmal alles besser wird. "Meine lieben Leute, nun kenne ich den steinigen Weg. Das erste Mal ist immer schwierig. Die erste Beziehung, die erste Arbeitsstelle, der erste Schultag. Danach wird alles einfacher.", so Lula in einer Rede gegen Ende der Kampagne. Der Abschlusssatz ebendieser Rede lässt wirklich keine Fragen mehr offen: "No próximo governo, a gente vai deitar e rolar!" (Wörtlich: In der nächsten Regierung werden wir uns hinlegen und die Sache läuft.) Na dann!

In Österreich weiß dagegen noch immer niemand von nix (Nachzulesen auf orf.at)der ÖVP Ultimatum ist am Ablaufen, während die SPÖ "die Geduld verliert" und angeblich eine Minderheitenregierung plant. Na wunderbar. Zuletzt hatten wir also eine Partei in der Regierung, die bei Antritt ebenderer noch nicht einmal existierte, nun haben wir keine Regierung. Ich freu mich schon auf die Neuwahlen. Entweder schaff ich es zu denen, meine Wahlkarte pünktlich zu beantragen und loszuschicken (wenn mir nicht die brasilianische Post mal wieder einen Strich durch die Rechnung macht...) oder ich bin ohnehin schon wieder im Lande, wenn sich Österreich zu einem zweiten Wahlgang aufraffen wird müssen.

L´auberge espagnol; Bild: SN/anita
L´auberge espagnol; Bild: SN/anita
L'auberge espagnhol; Bild: SN/anita
L´auberge espagnol; Bild: SN/anita
L´auberge espagnol; Bild: SN/anita
L´auberge espagnol; Bild: SN/anita
L'auberge espagnhol; Bild: SN/anita
L'auberge espagnhol; Bild: SN/anita
L'auberge espagnhol; Bild: SN/anita

Meine Privatsituation hat sich dagegen bereits um einiges gebessert und alles läuft tatsächlich wie von selbst. Ich bin aufgrund einer völlig ungelegen kommenden Mieterhöhung kurzfristig umgezogen, fünf Häuser weiter um genau zu sein, und wohne hier nun zusammen mit (derzeit) drei Brasilianern, einer Holländerin, einem Schotten, einem Italiener, zwei Franzosen und einem Weimaraner. Mit von der Partie ist Aude, die mit mir auch schon im anderen Haus zusammenwohnte und mich stillschweigend in Ilha Grande ertragen hat. Das Haus ist einfach großartig, riesig und voll mit Studenten, was durchaus zur allgemeinen Unterhaltung beiträgt. L´auberge espagnol; Bild: SN/anitaDer überwiegende Teil der Besatzung besteht aus Architekten, von denen nur Lilian ihr Studium bereits abgeschlossen hat und den Freuden des Arbeitslebens frönt. Gianpierro, Maurício und Camille plagen sichderzeit mit der Organisation eines Architektur-Workshops, Zineb und David sind ebenfalls angehende Architekten, Aude studiert Internationale Politik und Ingo ist Musiker und war jetzt zwei Wochen auf Tour. David ist nicht nur ein waschechter Schotte und trägt seinen Kilt in nicht mehr ganz zurechnungsfähigem Zustand auf Rios Ausgehmeile zur Schau, sondern zudem der ungekrönte König im Organisieren von Grillfesten. Faszinierend, was in einem Haus dieser Größe alles passieren kann, ohne dass man das Geringste mitbekommt. Anfang letzter Woche fragte er mich beiläufig, ob wir denn am Sonntag nicht grillen sollten. Ich murmelte irgendwas von "Jaja, schau mer mal wie?s Wetter wird." Sonntags um zehn klopfte er an meiner Tür und bat mich um meinen Beitrag zu den Grilleinkäufen. Ich war zwar etwas überrascht, dachte mir aber immer noch nichts Böses. Fünf Stunden später latschte ich in die Küche um meine Wasserflaschen aufzufüllen und traf auf drei wildfremde Menschen, die am Herd herumhantierten. Wenig später stellte sich heraus, dass die Hälfte meiner Mitbewohner nichts von ihrem Glück gewusst hatte, was allerdings unsere Grillfete nicht daran hinderte trotz des Regens bis Mitternacht auf etwa 30 Mann anzuwachsen.

L´auberge espagnol; Bild: SN/anitaBei neun Menschen aus insgesamt sechs Ländern ergibt sich eine recht bunte Mischung. Fad wird mir hier also wirklich nicht mehr. Vor allem Safira, der Weimaraner, hält uns alle recht in Atem. Maurícios neu gekaufte Schuhe mussten gestern bereits dran glauben, eine meiner Socken ebenfalls. Für alle, die sich nun nicht mehr auskennen, beim Weimaraner handelt es sich um eine Hunderasse und bei Safira um eine eineinhalbjährige Vertreterin ebendieser. Leider führt sich die Gute auf, als sei sie gerade erst sechs Monate alt, was mir bei Gewicht und Zähnen eines ausgewachsenen Hundes schon ein paar blaue Flecken eingehandelt hat. Zu meinem Glück ist sie allerdings extrem verfressen und deshalb bestechlich. Ich halte nun immer einen Vorrat an Karotten und Hundekeksen bereit, um mir das spielsüchtige Vieh bei Bedarf vom Hals zu schaffen. Gar nicht so einfach, da es zwar inzwischen Sommer werden sollte, aber noch immer in Strömen regnet, weshalb sich niemand aus dem Haus traut und sich die Hundeunterhaltung auf zwei Stockwerke und meine Socken beschränkt. Wohl bekommt's!

# anita klingler

Rio Blog 2.23
vor 666 Tagen | Kommentare [5] | Tags: anita, ilha grande, reisen, rio, stories | Autor: anita

Ilha Grande - die "große Insel" - ein wahrlich idyllisches Fleckchen. Wenn da nicht wir Touris wären. Anita aus Rio.

Ilha Grande; Bild: SN/anitaSorry Leute, ich musste mal raus hier. Diese Stadt kann ganz schön stressig werden! Nichts hilft da besser als ein kurzfristig angesetzter Trip übers verlängerte Wochenende. Rund um Rio Stadt gibt es da einiges zu sehen und erleben. Bis jetzt bot sich ja noch nicht so richtig die Gelegenheit für einen Wochenendtrip, aber mit meiner Mitbewohnerin Aude (mit der ich ebenso kurzfristig letzten Dienstag meine Sachen gepackt habe und in eine neue Wohnung abgehauen bin, doch dazu das nächste Mal mehr) lässt sich so was gut machen. Wir packten also die Rucksäcke und die Wanderschuhe und machten uns um vier Uhr in der Früh auf zur berühmten Ilha Grande.

Der Bus hatte dieses Mal nur sensationelle 15 Minuten Verspätung, wir kamen also recht pünktlich um neun in Angra dos Reis an. Zu unserem Glück hatte uns das Internet belogen und die Fähre nach Abraão ging nicht erst um halb Zwei. Was den Preis anging, stimmte die Angabe allerdings: wochentags knapp sechs Reais, an Wochenende und Feiertagen R$ 20,-, pro Fahrt wohl gemerkt, mit einem Rabatt von R$ 10,- beim Kauf des Tickets für Hin- und Rückfahrt. Nach eineinhalbstündiger Bootsfahrt (zusammen mit rund 20 Deutschen) kamen wir doch leichtermattet in Abraão an. Von dort aus ging es weiter mit einem kleineren Boot, um an unser Ziel, die Praia das Palmas, zu gelangen. Der Taxi-Bootsführer wollte uns gleich einmal ordentlich abzocken, wir handelten ihn zwar als Rio-Insider kräftig herunter, bezahlten aber trotzdem noch einen völlig überteuerten Preis. Gringas halt.

Ilha Grande; Bild: SN/anitaNach einer Odyssee von rund 22 Stunden waren wir schließlich am Ziel, an einem zugegebenermaßen relativ menschenleeren Palmenstrand. Konnte allerdings auch am uns zumindest anfangs nicht besonders freundlich gesinnten Wetter liegen. In der Jugendherberge "Cantão do Leão" trafen wir schließlich auch Claire und Felipe, Freunde von Aude. Seu Santos, der 75-jährige Besitzer der "pousada", erklärte uns, dass er nur deshalb noch so fit wäre, weil er prinzipiell kalt duschen würde, weshalb es auch in der ganzen Jugendherberge kein warmes Wasser gäbe. Zu unserem großen Glück hatte ich in allerletzter Minute noch daran gedacht, meinen Fön einzupacken. Wir hatten also wenigstens eine Standheizung, um uns nach der Eisdusche wieder aufzuwärmen.

Ilha Grande; Bild: SN/anitaDen ersten Tag bzw. Nachmittag verbrachten wir damit, unseren Strand und dessen Umgebung auszukundschaften. Der Großteil der Insel ist Naturschutzgebiet, weshalb es auch weder Autos noch Straßen gibt. Alle Orte und Strände sind nur per Boot oder zu Fuß zu erreichen. Ganz Ilha Grande ist mit einem System von Wanderwegen ausgestattet, die einen Strand mit dem anderen verbinden. Man könnte also theoretisch in einigen Tagen die gesamte Insel umwandern. Tage deshalb, weil die "Große Insel" mit 193 km² Ausdehnung ihrem Namen auf jeden Fall gerecht wird. Bis 1994 beheimatete die Insel das Gefängnis "Cândido Lemos", in dem einige der gefährlichsten Kriminellen des Landes einsaßen. Unter ihnen befanden sich beispielsweise Anführer und Anhänger des "Comando Vermelho", eine der Fraktionen des organisierten Verbrechens in Rio de Janeiro, die in der Stadt selbst über 50 Favelas kontrolliert.

Da einigen Häftlingen die Flucht gelang und damit die Sicherheit der Bevölkerung nicht gewährleistet werden konnte, beschloss die Regierung von Rio de Janeiro 1994 das Gefängnis zu schließen. Seitdem erfreut sich die Insel eines regen Zustroms an Touristen und ist als Naturparadies für Surfer, Taucher und Fischer weit über die Grenzen Rios hinaus bekannt.

Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita
Ilha Grande; Bild: SN/anita

Ilha Grande; Bild: SN/anitaNach einem ausgiebigen Frühstück mit hausgemachtem Kuchen unternahm ich mich mit Aude zusammen zu einem Fußmarsch nach Abraão. Claire und Felipe versuchten trotz des etwas widerspenstigen Wetters ihr Surfglück am Strand von Lopes Mendes und brachen in die Gegenrichtung auf. Nach einer guten Stunde Herumgerutsche im Matsch (es hatte die halbe Nacht geregnet) inmitten eines atemberaubenden Tropenwaldes erreichten wir die "Hauptstadt" der Insel, die gut geschätzt vermutlich etwa 500 Einwohner hat. Dafür sind die Preise allerdings gesalzen, sowohl im Supermarkt als auch in den Restaurants. Ilha Grande; Bild: SN/anitaEiner der Nachteile, wenn man in der Pampa "festsitzt": Wer Futter hat, kann es so teuer verkaufen, wie er will, weil essen muss der Mensch. Kuriosität am Rande: Elektrizität ist manchmal Mangelware in Ilha Grande, aber das Internet funktioniert ausgezeichnet. Über Satellit, versteht sich, und zum stolzen Preis von R$ 12,- pro Stunde (nur zum Vergleich, unweit meiner Wohnung in Rio gibt es zahlreiche Internet-Cafés um R$ 3,- pro Stunde...). Wir bummelten also ein wenig durch die Stadt, gönnten uns aufgrund eines akuten Regengusses einen Suco und später ein (sauteures) Nach-Mittagessen, stockten unseren Futtervorrat etwas auf und schlossen Freundschaft mit einigen der mindestens Tausend Hunde in Abraão. 

Zurück durch den Urwald und rein ins kalte Nass! Dieses Mal jedoch erst mal ins spiegelglatte und glasklare Meer, das, zwar wunderschön, die kalte Dusche im Anschluss tatsächlich warm erscheinen ließ. Claire und Felipe hatten inzwischen ein kleines Restaurant am Strand ausgemacht, das den PF (Prato Feito, Tagesgericht) zu einem akzeptablen Preis anbot und überdies mit einem kleinen Reggae-Konzert aufwartete. Nach einigen heftigen Runden Watten (gar nicht so einfach, Brasilianern die Regeln zu erklären...) hüpften wir in die Federn, um uns für den Ausflug am nächsten Tag gründlich auszuschlafen.

Ilha Grande; Bild: SN/anitaAm dritten Tag unseres Inselurlaubs stand eine Bootspartie an. Um neun Uhr in der Früh legten wir los in Richtung "Lagoa Azul". Das Wetter schien uns auch dieses Mal nicht freundlich gesinnt, besserte sich aber zusehends und machte bald klar, woher die "Blaue Lagune" ihren Namen hat. Kristallklares Wasser, Fische und Seesterne soweit das Auge reicht. Weiter ging?s zur "Praia da Baleia" (Walbucht) und der "Praia da Feiticeira" (Strand der Zauberin), wo wir uns zur Besichtigung eines Wasserfalles aufmachten. Cascão, einer unserer Touristenkollegen, behauptete den Weg zu kennen und führte uns natürlich in die komplett falsche Richtung. Nach einstündiger Suche und einiger Mühe gelangten wir tatsächlich zur "Cachoeira da Feiticeira", die sich allerdings als weitaus weniger spektakulär erwies als angenommen. Zurück auf dem Boot machte sich allgemeine Müdigkeit breit, die den heftigen Sonnenbrand fast aller Anwesenden nicht unbedingt besser machte. Aufgrund des schlechten Wetters hatte natürlich niemand daran gedacht, Sonnencreme mitzunehmen, was mir den dritten ernstzunehmenden Sonnenbrand meines Lebens bescherte. Autsch.

Ilha Grande; Bild: SN/anitaUnser letzter Abend auf der Insel klang leise aus bei Lagerfeuer und Gitarrenmusik und wir bereiteten uns seelisch auf die Rückkehr in die Zivilisation vor. Am nächsten Tag sollten wir eigentlich ein Boot zurück nach Abraão und von dort die Fähre nach Angra nehmen, da wir natürlich gleich die Hin- und Rückfahrt erstanden hatten, Betonung liegt auf sollten. Wir begaben uns also noch halb verschlafen auf unser Boot und bemerkten erst eine dreiviertel Stunde später, dass dieses direkt nach Mangaratiba fuhr. Wir bezahlten also doppelt, erfreuten uns aber musikalischer Begleitung unserer neu gewonnen brasilianischen Freunde, eines Wals, der das Boot begleitete, und kamen schließlich Sonntag Nachmittag völlig übermüdet zu Hause in Rio an.

# anita klingler

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