Über Eitelkeit, treue Hundeaugen, Klimaanlagen und eine 40-stündige Busfahrt. Anita aus Umbuzeiro im Nordosten Brasiliens.
Es hat ein wenig länger gedauert, als erwartet. Entschuldigt bitte. Ich befinde mich irgendwo im Nirgendwo (ehrlich!!!) und da geht alles noch ein wenig langsamer als sonst. Auch das Internet. Das hier scheint´s über das Radio funktioniert. Das heisst, mehr oder minder. Wie es dazu kam? Letzten Donnerstag machte ich mich frisch fröhlich daran, meinen Koffer zu packen, um mich kurzfristig aus der Stadt zu verabschieden. Für zehn Tage wenigstens, frische Luft schnappen und dem Grossstadt-Weihnachtswahnsinn entfliehen. Dabei bot es sich hervorragend an, dass Leos Mutter im Nordosten Brasiliens, genauer gesagt in Paraiba, lebt und meinte, sie würde sich über einen Besuch freuen. Leo machte sich schon eine Woche früher auf den Weg, weshalb ich die 40 (!) Stunden dauernde Busfahrt allein antreten musste... Dabei war ich bereits beim Rufen des Taxis, das mich zum Busbahnhof bringen sollte, völlig überfordert. Lag in dem Fall weniger an mir als am nicht funktionierenden Telefon, Maurício hatte mal wieder vergessen, die Telefonrechnung fristgerecht zu bezahlen. Ich war also mal wieder ein wenig spät dran, und es war wirklich nicht meine Schuld!!! (Ja, Mama, ich weiss, das sage ich immer. Trotzdem.)
Ich kam also völlig gehetzt, aber noch immer zeitgerecht um Viertel vor vier am Busbahnhof an. Mein Bus war natürlich nicht da. Noch nicht. Auch um vier nicht. Auch um Viertel nach vier nicht. Um fünf vor halb wurde ich langsam nervös und meine Jeans etwas ungemütlich. Es hatte ja auch nur feuchte 29 Grad. Und in weiser Voraussicht hatte ich mich auf die da kommende Klimaanlage eingestellt und mich mit dementsprechend Klamotten in Reichweite versorgt. Sogar an den Kopfpolster hatte ich gedacht, an das Netzteil meines Laptops dann wohl leider nicht, wie ich schmerzlich feststellen sollte. Nix war´s also mit meiner Abendunterhaltung, das gute Ding gab nach der Hälfte des Films (Die Geisha - absolut empfehlenswert, vor allem der Soundtrack) den Geist auf. Und irgendwo im Nirgendwo gibt´s natürlich auch keine Netzteile. Aber Internet-Cafés. Quasi ohne Internet. Egal. Ihr werdet ja vermutlich nie mitbekommen, wie lange es dauerte, diesen Text hochzuladen. Ich werde mitstoppen. Versprochen. Und mehr Fotos bekommt ihr nachgeliefert. Auch versprochen. Es ist nämlich wirklich schön hier. Aber weiter im Text.
Um Halb fünf beehrt uns dann doch noch unser Exemplar von Reisebus, das, man glaubt es kaum, über KEINE Klimaanlage verfügt. Und die Typen zwangen mich, meinen Minikoffer inklusive kurzer Hose unten drin im Kofferraum zu verstauen. Na bravo. 40 Stunden und für´s erste nicht einmal ein Handtuch. Dafür aber ein sich völlig lächerlich machender Bursche, der für die Itapemirim arbeitet und um meine Reisegenossin in vorderer Reihe herumschwänzelt. Im Bus, draussen vorm Fenster, "Gib mir den Keks, bitte bitte, gib ihn mir." Manchmal sind Brasilianer wirklich eigenartig. Und ich schwitze. Frage mich, ob ich denn die Einzige bin, die nicht wusste, dass das Ding keine Klimaanlage hat. Vermutlich. Währenddessen geht die Reise los. Mit einer guten halben Stunde Verspätung. Ziel: Limoeiro. Wo das ist? Ich hab keine Ahnung. Der halbe Bus ist vollgestopft mit Kleinkindern, die mir jetzt schon den letzten Nerv rauben. Zusammen mit dem hocherortischen Herrn hinter mir, der meint, seinen verschwitzten Arm auf meiner Lehne über meinem Kopf deponieren zu müssen. Brrrr.
Nach 20 Minuten Fahrt nimmt der Kleine neben mir zum ersten Mal seine Tropfen gegen Reisekrankheit. Seine Freundin hat keine Lust, das grausig bittere Zeug zu schlucken. Hätte ich auch nicht. Muss man ja kotzen davon. Wer will mit mir wetten? Er heisst Cleiton (ja genau, Clayton), sie Luana, ist sieben Jahre alt und lässt niemanden an ihren Schnuller ran. Das kann noch heiter werden. Wird es auch, als es langsam dunkel wird (um 18.00) und ich feststelle, dass die kleinen Lämpchen über den Sitzen nicht funktionieren. Es ist also nichts mit lesen. Ich versuche also zu schlafen. Und werde um Mitternacht von einer Horde lärmender Kids geweckt. Das war´s dann erstmal. Trotz der Ohropax. Keine Chance. Dafür Schokokuchen an meinen Socken.
Um sechs Uhr früh befinden wir uns noch immer in Minas Gerais. Und sitzen für´s Erste fest. Der Gummi des Radiators (was immer das sein soll) ist geplatzt. Um uns herum grün und sonst gar nichts. Und was machen wir jetzt, Brain? Wir machen das, was alle Brasilianer gerne machen, wir warten. Währenddessen meint die siebenjährige Lu zu dem etwa 35-Jährigen drei Reihen hinter uns, "Du, ich kenne dich irgendwo her..." Nach unerwarteterweise nicht allzu langem Aufenthalt setzen wir unsere Reise fort. Was kaputt war, weiss ich bis heute nicht.
Die Landschaft beginnt sich zu verändern. Der Boden wird kärger, der Bewuchs niedriger. Nur selten durchbricht ein Baum das Dickicht. Die Erde ist von einem tiefen Ziegelrot, Hügel durchziehen die Landschaft wie die schuppigen grünen Rücken schlafender Drachen. Es gibt keine Häuser, keine Menschen, nur hin und wieder ist ein weidendes Pferd zu sehen. Es scheint Stunden her zu sein, das wir eine Ortschaft gesehen haben. Immer trockener wird der Boden, immer heisser die Luft. Kackteen mischen sich unter das Buschland, das schliesslich immer niedriger und niedriger wird. So wird es Abend und ich verbringe meine zweite unbequeme Nacht mit Ohropax auf meinem Laptop schlafend. Damit ihn mir auch niemand klauen kann. Hat eh keinen Saft mehr.
Der zweite Tag beginnt ähnlich früh wie der erste. Und mit einem mir völlig unverständlichen Auflauf. Wozu? Wozu muss ich mich in Schale schmeissen, um danach wieder stundenlang im Bus zu sitzen? Warum werde ich mich schminken und meine Füsse in Plateautreter zwängen, mit denen ich am Weg zum Klo schon umfalle, weil der Bus so ruckelt? Der Brasilianerinnen Eitelkeit finde ich immer wieder beeindruckend! Manche ziehen es tatsächlich vor, Lippenstift und Liedschatten aufzutragen, anstatt sich die Zähne zu putzen. Aussen hui, innen pfui, würde meine Mama sagen. Ist ja auch wirklich so. Ich würde für Make-up nicht auf mein Frühstück verzichten. Aber so lang soll meine Reise nun ohnehin nicht mehr dauern. Um neun Uhr komme ich an der Kreuzung namens João Alfredo (wo zur Hölle?!?) an, wo mich Leo bereits erwartet und mich zur Endstation nach Umbuzeiro bringt. Bin dahaa, wer nohoch?
#anita klingler
PS: Nachdem ich nun über eine halbe Stunde mehr oder minder erfolglos versucht habe, vier Bilder hochzuladen, verzeiht mir bitte, ich hol es nach, wenn ich wieder in der Zivilisation bin.



































