Grenzen sind allerorts beliebt. Nationen haben welche, Menschen auch, bisweilen bringt man sich selbst an die eigenen. Wie zieht man eine und wo?
"Ich gehe an meine Grenzen." Physische, psychische, den eigenen Geschmack betreffend? Jeder hat schon einmal Grenzen ausgelotet, die eigenen und die seiner Umwelt. Der Eltern, der Familie, der Freunde. Und ist damit auch sicher ein paar Mal baden gegangen. "Ich kenne meine Grenzen." Beinah jeder hat sich schon einmal gefragt, wie viel Bier er trinken kann ohne aus den Latschen zu kippen. Wie sich bedingungslose Liebe anfühlt. Wie viel Leid ein Mensch ertragen kann. Grenzen sind die Grauzone zwischen mir und meiner Umwelt, ein Ort des Überganges, an dem ich mit allem, was nicht ich bin, in Kontakt trete. Diese Grenze kann scharf gezogen oder verschwommen sein. Nach in die Brüche gegangenen Beziehungen oder Freundschaften stellt sie sich wieder, die Frage nach dem Ich. Wer bin ich, wer war ich in unserer Freundschaft? Wo hörte ich auf, wo fingst du an? Was an dir oder was an mir machte uns zum Wir? Einer meiner Professoren erklärte in einer Vorlesung das Wir als etwas, das über die Summe aus dem Ich und dem Du hinausgeht, etwas Neues bildet, etwas Eigenes, Größeres.
Wir leben von diesen Grenzen, von der Abgrenzung. Unsere Grenzen machen uns zu uns selbst. Wir grenzen uns von anderen ab, grenzen andere aus unserem Kreis aus, ziehen eine Grenze zwischen Familie, Freunden und dem "Rest". "Zeig mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist.", heißt ein altes Sprichwort. Dabei sind Grenzen genauso lebendig wie die Menschen, die auf ihrer einen oder anderen Seite stehen. Menschen verändern sich. Beziehungen und Freundschaften verändern sich, gehen auseinander oder wachsen weiter zusammen. Auch Grenzen verändern sich. Sie können sich langsam aufbauen wie eine Mauer, sie können aus Linien, halbhohen Sträuchern, Glas oder Beton und sogar aus Stahl sein. Sie können dehnbar und unnachgibig sein, genau wie wir Menschen.
"Ich habe meine Grenzen erreicht." Welche denn? Die der Erträglichkeit? Des Wahnsinns oder doch des Genies? Die Grenze zwischen Leben und Tod, Sein und Nicht-Sein? Grenzen bedeuten auch "Nicht mehr weiter kommen". Und auch diese gehören zum Leben dazu, sind wichtig und notwendig. Doch es braucht Mut, sie zu ziehen. Es braucht Mut zu sagen, "Du tust mir weh.", ist doch die Verletzung im Alltag meistens unsichtbarer Art und die Grenzverletzung nicht mehr rückgängig zu machen. Es braucht Mut sich selbst und anderen einzugestehen, dass man entgegen den eigenen Überzeugungen gehandelt und einen Fehler gemacht, eine Grenze überschritten hat.
Mit jeder Grenzverletzung gehen Konsequenzen einher. Sie mögen unsichtbar sein, unbedeutend in ihrem unmittelbaren Kontext. Irgendwann jedoch verschaffen sie sich Gehör, begehren auf, wollen gelebt werden. Auch dazu gehört Mut. Mut zu sich selbst zu stehen. Sich zu wehren, zu schreien und wütend zu sein. Bei Bedarf zu vergeben und vielleicht, wenn möglich, zu vergessen.
#anita klingler
PS: Zum Ersten, dieser Beitrag sei K. gewidmet. Obwohl ich nicht glaube, dass sie ihn jemals lesen wird. Zum Zweiten: Irgendwie kann ich es mir jetzt echt nicht nehmen lassen. Danke für's Bier, Gue! ;-)



























