Sonntag
Endlich ruht mein müder Körper auf der Couch. Es war eine anstrengende Woche. Nicht, dass ich nicht gerne arbeite ? ganz im Gegenteil. Wie eine Ameise sammelte ich Eindrücke, die endlich verarbeitet werden müssen. Deshalb verwandle ich die emsige Ameise in mir in eine schnurrende Katze- heute ist Sonntag, ein Tag für meine Seele.
Meine Auszeit genießend zünde ich ein Räucherstäbchen an und rieche den wohligen Duft, der den Raum erfüllt. Die Kanten der Couch bilden die Grenzen meines Reviers für die nächsten sechs Stunden. Den äußeren Umständen zu Folge müsste der Akt der Entspannung nun beginnen. Doch meine Gedanken folgen einem anderen Ziel: Im Rennen an Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Die Stimme des Chefs tritt gegen die volle Einkaufliste an. Plötzlich mischt sich der Anruf der Mutter ein, der die Luft noch dünner werden lässt. Mit ihnen konkurriert der Liebste, der seinen Eifersuchtsanfall nicht kontrollieren kann. Der Stapel an Rechnungen überholt den versäumten Arzttermin und lässt ihn nur knapp hinter sich. Ein spannendes Rennen, das keine Langeweile aufkommen lässt.
Halt! Ruhen und entspannen lautet heute die Devise. Mit hochgelagerten Beinen liege ich auf der Couch und versuche dem Gedankenstrom zu entkommen. Tief atme ich den hölzernen Duft des Räucherstäbchens ein und beginne meine Seele gleiten zu lassen. Sie rauscht durch die Luke des Fensters, um mit dem Wind durch die Blätter der Birke zu streifen. Hin und her, nach oben und unten reitet sie Hand in Hand mit ihrem unsichtbaren Freund. Nur kurz macht sie Halt, um auf dem Schimmer der Blätter zu ruhen. Von der Wärme der Sonne lässt sie sich verführen, bis eine Amsel ihr NIckerchen unterbricht. Zwitschernd lädt der Vogel zum Lauschen ein und bietet ein Konzert von lieblichen Melodien, die ihrem Liebsten gewidmet sind.
"Schneller! Der Artikel muss bis morgen fertig sein!" unterbricht die Stimme des Chefs meinen Tagtraum. Nein. Heute ist Sonntag, ein Tag für MEINE SEELE.
Wieder atme ich ein und gleite mit dem Wind durch das Geäst, schwinge durch Nachbars Garten und lausche den Gesprächen auf der Straße. Ich fühle mich frei. Eine Freiheit, die nur mir gehört. Ein Sonntag für die Seele.




