Stöbern im Konzertarchiv von Neil Young und Crazy Horse: 1970 im legendären Fillmore East. Rockin' In The Free World.
Neil Young war mitten drin statt nur dabei im "Sommer der Liebe" und beim Höhepunkt der Hippie-Bewegung 1969 in Woodstock. Bis heute beschwört der Musiker immer wieder die Geister von einst. Crosby, Stills, Nash and Young bildeten damals die "Supergroup" bei der legendären "Matsch und Schlamm"-Orgie mit musikalischer Untermalung. Doch Young war stets ein Querdenker, ein Eigenbrödler und so verließ er CSN(&Y) Anfang der 70er wieder, um sein eigenes Ding auf die Beine zu stellen, (wenngleich sich die Wege von CSN&Y bis heute immer wieder kreuzen). Das "eigene Ding" war und ist bei Neil Young seine mittlerweile altgediente Garagen-Rock-Band Crazy Horse.
Die Arbeit mit Crazy Horse bildet quasi die Quint-Essenz im umtriebigen Schaffen des gebürtigen Kanadiers, der bereits seit den 70ern in Kalifornien lebt. In über 40 Jahren auf der Bühne lieferte Young mehr als 60 Platten ab - noch immer erscheinen vom alten Meister jährlich neue Aufnahmen. Auf Neil Youngs Alben lässt sich eine musikalische Vielfalt ausmachen, die von kaputten bis wundervollen Country-Balladen und Folk-Rockern über schwermetallene Grungekracher reicht. Dazu experimentierte Young vor allem in den Achtzigern wild herum und schreckte dabei auch nicht vor Elektronikspielereien oder altbackenem Blues zurück.
Wegen seiner Vorreiterrolle in Sachen Feedback-Lärm wurde Neil Young in den Neunzigern der Titel "Godfather Of Grunge" verliehen. Gemeinsam mit Pearl Jam entstand 1995 das mächtige Album "Mirrorball" mit dem auch gemeinsam getourt wurde. Ein Jahr zuvor lieferte er mit Crazy Horse das Requiem zu Kurt Cobains-Freitod auf der Scheibe "Sleeps With Angels" ab. Young war stets ein Schnellschießer mit feinem Gespür und weisem Blick. Gleich nach Bob Dylan hat wohl niemand im Songwriter- und Alternative Rock-Universum derart viele Musiker inspiriert. Doch wo Bob Dylan in seiner Lyrik viele Wörter und Verse verwendet, genügten Neil Young stets wenige, platzierte Pinselstriche um ganze Welten entstehen zu lassen.
Der aktuelle Longplayer von Neil Young heißt "Living With War". Darauf protestiert der 60-jährige gemeinsam mit einem Riesenchor - zum Teil in altbewährter Hippiemanier - lautstark gegen Bush, die westliche Konsumgesellschaft, die Verlogenheit der Politik beim Umgang mit Krieg und Terror und die Rücksichtslosigkeit bzw. Kurzsichtigkeit, mit der die USA seit Jahrzehnten Kriege führen. Und weil sich Neil Young kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zum Teil schwer getan hat sich zu positionieren, ist dieses Aufbegehren umso bemerkenswerter und kann als bislang wohl direktester (musikalischer) Angriff auf Bush von etablierter, inneramerikanischer Seite bezeichnet werden. Auf der Homepage von Neil Young gibts jede Menge Videos der aktuellen Anti-Kriegslieder zu sehen und viele Zusatzinfos zum brisanten Thema.
Doch halt! Das sind alles andere Geschichten - jetzt drehen wie das Rad der Zeit fast 37 Jahre nach 1970 zurück und lauschen Neil Young und Crazy Horse im legendären New Yorker Fillmore East, das ein Jahr darauf seine Pforten schloss. Immer mal wieder gab sich Neil Young mit seinen Studioaufnahmen unzufrieden und meinte, dass die besten Sachen live passiert wären. Nun endlich scheint es so, als würde das - wohl äußerst reichhaltige - Archiv von Neil Young langsam einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auf "Neil Young & Crazy Horse Live At The Fillmore East" befinden sich 6 Nummern (wie so oft sind es nicht viele, doch umso intensivere und mitunter auch sehr lange Stücke), die allesamt den Übergang eines Bandmusiker hin zum Bandleader dokumentieren.
"Everybody Knows This Is Nowhere", so auch der Titel der gleichnamigen zweiten Solo-Platte von Neil Young - der ersten gemeinsam mit Crazy Horse - aus dem Jahre 1969 eröffnet den Silberling. Die Mittelfinger-Attitüde des Songs kommt derart charmant dahergepoltert, dass man geneigt ist ihn als positiven solchen wahrzunehmen. Was für ein Irrtum. Denn wenn es ein Lied gibt in dem eine "Ich-hab-die-Nase-voll-vor-lauter-Stress"-Haltung voll auf den Punkt gebracht wird dann ist es dieses. Gott sei Dank ist das schwebend-rockende "Winterlong" anschließend was für einsame Herzen, bevor wir die Geliebte in "Down By The River" immer und immer wieder erschießen. Und zwar auf einem fünfzehnminütigen E-Gitarren-Trip.
Dann erstmal schunkeln bei "Wonderin'" und sich fragen, ob man heute zu zweit nach Hause geht. "Come On Baby Let's Do Downtown" erinnert dann am ehesten an Crosby, Stills, Nash and Young, wobei die Zeile "Sure enough, they'll be sellin' stuff when the moon begins to rise ..." ebenfalls eine klare Hippie-Sprache spricht. Dieser Song stammt übrigens vom damaligen Gründungs-Gitarristen von Crazy Horse: Danny Whitten. Dieser starb zwei Jahre später an einer Überdodis - an seine Stelle trat ab 1975 Frank "Poncho" Sampedro. Auf "Live At The Fillmore East" hört man Danny Whitten voller Inbrunst stets die zweite Stimme singen und klar den Spaß heraus, den die Musiker damals miteinander gehabt haben müssen.
Das romantische und ausufernde "Cowgirl In The Sand" - ein weiterer Young-Klassiker - bildet den Abschluss des halben Liederdutzends. Ekstatisch, treibend und messerscharf, was die Band und ihr Leader hier aufführen: Ein stoischer, trockener Beat wird von der spitzen Lead-Gitarrenarbeit feurig durchschnitten und zwar wieder über eine viertel Stunde hinweg. Die Richtung für Crazy Horse und Neil Young war damals also schon klar erkennbar. Die großen Würfe wie die Klänge des Albums "Zuma" (1975) mit dem Meisterstück von Neil Young "Cortez The Killer" waren allerdings erst akustische Ahnungen, die zwischen den Schallwellen mitschwangen. Und von den Fillmore-East-Abenden waren es noch zwei Jahre bis Neil Young auch als Solokünstler mit "Harvest" und dem Klassiker "Heart Of Gold" zum absoluten Rocksuperstar avancierte. Ein Umstand, der für Young Fluch und Segen war. Die Reise hatte gerade erst begonnen.
# Robert Innerhofer
Die 10 Lieblings-Neil-Young-Platten des Fritz-Redakteurs:
1. Rust Never Sleeps (1979)
2. Zuma (1975)
3. Mirrorball (1995)
4. Sleeps With Angels (1994)
5. Freedom (1989)
6. On The Beach (1974)
7. Comes A Time (1978)
8. Broken Arrow (1996)
9. Harvest (1972)
10. Prairie Wind (2005)
INTERNET:
www.neilyoung.com
Offizielle Homepage










Und wenn wir schon dabei sind: Ebenfalls absolut erwähnens-und hörenswert ist das Doppelalbum "Decade", welches das Frühwerk von Young - beginnend bei Buffalo Springfield - recht umfassend beleuchtet. Und natürlich die Live-Platte "Year Of The Horse" (1997) und die gleichnamige Konzertdoku von Jim Jarmush.
after the goldrush (70)
harvest (72)
zuma (75)
rust never sleeps (79)
mirrorball (95)
broken arrow (96)