Virginia Jetzt! haben auf ihrem dritten Album schöne Lieder, starke Texte und ein altes Problem: Zuwenig Biss.
Es braucht bis zum vierten Song, bis einen "Land Unter" packt. Aber weil Virgina Jetzt! immer lieb zu uns sind und waren, sind wir auch lieb zu ihnen und sagen, "Weit weg" ist ein runder Opener und "Bleib nicht wenn du gehst" eine routinierte Abhandlung zum Themas "Beziehung aus". Obwohl mir da immer das Christl Stürmer Lied einfällt, das zwar weniger Sinn macht, aber dafür einprägsamer und zwingender ist.
Bis zum vierten Song also. Der heißt "Von einer besseren Welt" und hat einen Refrain, der geht so:
"Für einen der aufsteht,
gibts einen der fällt
Nichts in Sicht
von einer besseren Welt
als dieser"
Man singt schon beim ersten Anhören mit, so traumwandlerisch sicher ist diese kleine Melodie. Und mit dem Titelsong legen sie gleich noch eins drauf. Eine berührende, akustische Ballade mit schönem Streicherarrangement über die Rückkehr an einen Ort, der einmal wichtig war und darüber, wie weh die Erinnerungen, die er hervorruft, tun. Man fragt sich, wie ein und dieselbe Band so etwas schreiben kann und dann so Unbedeutendes wie "Singen und singen" auf die gleiche Platte schmeißt.
Aber das war ja immer das Problem von Virginia Jetzt!, die Konstanz. Auf dem Vorgängeralbum "Anfänger" legten sie gleich zu Beginn fünf ihrer besten Stücke überhaupt vor, nur um dann auf der zweiten Hälfte des Albums so in der Banalität zu versinken, dass man berechtigt fragen durfte, ob die ersten Songs tatsächlich auf Können beruhen. Ähnlich auf dem Debütalbum "Wer hat Angst vor Virgina Jetzt!". Die drei Singles strahlen bis heute, der Rest ist zum Vergessen.
Dennoch bleiben Virginia Jetzt ! nicht stehen, sondern entwickeln sich. Die Arrangements sind viel verspielter als früher und die Texte werden prägnanter. Die Band hat was zu sagen, über das Leben im Osten Deutschlands ("Zonenkind"), über das Gefühl, nirgendwo dazu zu gehören ("Ich kann nicht wie die anderen") und viel über kaputte Beziehungen und Schmerz, ganz wunderbar in "Die Teile deines Lebens":
"Dass ich nicht bleiben kann tut weh,
doch ich darf nicht an dir kleben,
damit die Teile deines Lebens
ein Ganzes ergeben"
Und wisst ihr was? Das mit den Texten hab ich erst gecheckt, als ich sie gelesen habe. Obwohl auf Deutsch, flutschen sie einem durch, man nimmt sie und ihre Wahrheiten kaum wahr.
So, und jetzt hab ich es auch endlich, was mich die ganze Zeit bei diesem Album so gewurmt hat. Die Musik ist nicht zwingend genug. Zu nett, zu lieb gesungen, der Schmerz aus den Texten ist nicht in der Musik und schon gar nicht im Gesang. Der Sturm und Drang-Song "Mehr als das" wird genauso dargeboten, wie das schmerzhafte "Zonenkind". Fast ein bißchen zu harmoniesüchtig, die Burschen. Mit dem dummen Nebeneffekt, dass man einfach nicht genau hinhört bei dem, was sie zu sagen haben, obwohl es sich oft mehr als lohnen würde.
Es wäre allerdings nicht Virginia Jetzt! würde ihnen nicht, wie schon erwähnt, hin und wieder etwas Großes auskommen. Am Ende hören wir nämlich das spartanische, rohe "Mein Herz ist keine Wohnung".
"Und mein Herz ist keine Wohnung
Wo jeder reinkommen darf
So wird's sein, genauso war es
Und du warst drin, nur dass das klar istAll die Wut, all der Schmerz
Gehen bis an die Ränder
Du hast es erkannt
Vielleicht wird es Zeit
Dass wir uns verändern"
Sie könnten es, sie könnten es! Und hätten sich eigentlich nicht weiter zum Thema "Liebe und Schmerz" äußern müssen. Die letzten beiden Songs hätten dazu gereicht.
Virginia Jetzt! im Internet:
http://www.virginia-jetzt.de/
# christoph schwarz















