Anarcho-Komiker Helge Schneider setzt uns auf seinem neuen Album "I Brake Together" einen bunt gemischten Musiksalat samt Käsebrot vor. Das sieht aus!
Es ist schon äußerst gewöhnungsbedürftig (aber spannend), Helge Schneider in Interviews von einer ernsteren, "echten" Seite kennen zu lernen. Aber Promotion-Auftritte für Dani Levys kontroversen Film "Mein Führer", in dem Schneider die Hauptrolle spielt, machen es möglich. So geschehen zum Beispiel in Reinhold Beckmanns Talkshow. Da hört man ihn dann fast ironiefrei über seine Herkunft und Jugendzeit sprechen und ertappt sich ständig dabei, wie man es kaum glauben kann, Helge Schneider einmal ernst zu erleben.
Es verwundert auch nicht, dass sich Helge Schneider im Rummel um "Mein Führer" nicht sonderlich wohl zu fühlen schien (dazu mehr auf seiner Homepage). Er kritisierte Details am fertigen Film, betonte aber doch auch, dass es Levys Film sei und er diesen nach wie vor unterstütze - gerade die Rolle des Adolf Hitler war immer eine, die ihn reizte und die er einfach drauf habe. Doch unaufgezwungene Komik ist das, was er den Menschen geben möchte. Wobei die Bezeichnung Komiker natürlich nicht ansatzweise ausreicht, um eine passende Beschreibung dessen abzugeben, was dieser "Retter des schlechten Geschmacks", begnadete Musiker, Schauspieler, Buchautor (auch gerade erschienen: "Die Memoiren des Rodriguez Faszanatas - Bekenntnisse eines Heiratsschwindlers") alles in sich vereint. Also zurück zum Anfang, zurück zum ureigensten Spaß des Helge Schneider. Das neue Album "I Brake Together" bringt uns dorthin.
Beim Durchlauf der neuen Scheibe fällt es schwer, überhaupt Worte zu finden, die irgendwie ins Schwarze treffen. Zu unfassbar ist der 1955 im Ruhrpott geborene "Musik-Clown" nach wie vor. Doch versuchen wir es trotzdem. Die erste Single "Käsebrot" dürfte manchen ja vielleicht schon untergekommen sein. Hier verwendet Schneider die eine zündende Formel, die auch schon Lieder a la "Katzeklo" zum Renner machten: Überberstende Einfalt trifft auf subversiv-komische Überzeugungskraft. Denn bei aller Albernheit glaubt man ihm tatsächlich, dass "so ein richtiges Käsebrot" für ihn das Größte sei. Der Titeltrack "I Brake Together" ruft einem dann sogar die Beatles anno 1969 ins Gedächtnis. Das groovt und poltert, zappelt fiebrig und geht direkt ins Blut.
"Lady Suppenhuhn" ist eine lieblich-absurde Schunkelballade, wie sie nur der Schneider draufhat und "Die Trompeten von Mexiko" laden uns anschließend ein, denn sie wollen nicht alleine sein ? Weitere Titel, deren Namen bereits Bände sprechen, sind zum Beispiel "Mädchen wollen küssen" oder "Bitte geh nicht vorbei". Höhepunkt ist aber wohl ein Duett mit Udo Lindenberg, den Schneider natürlich selber gibt. Das Stück trägt den Titel "Pinguine können nicht fliegen" und ist in der Tradition eines inhaltlich sozial engagierten, von Pathos geschwängerten Klavier-Duetts gehalten. Zum Brüllen! "Komm Udo, wir singen zusammen", meint Schneider am Ende des Songs. Wie sich das anhört, wenn jemand versucht, mit zwei Stimmen gleichzeitig zu singen? Tja.
Aber auch ein bisschen Recycling wird betrieben. So finden sich neben Coverversionen von "Georgia On My Mind" und "Jailhouse Rock" (diesmal gemeinsam mit Mickey Mouse) auch neue Versionen von "Texas" und "Der Telefonmann" auf der Platte. Musikalisch präsentiert sich Schneider und seine Band - Sandro Giampedro (git), Rudi Olbrich (b) und der alte Weggefährte Pete York (dr) - in allen Genres sattelfest und virtuos (von Salsa bis Country und Rock), wobei jazzige Interpretationen natürlich zentrales Thema sind. Und der Multiinstrumentalist Schneider hat natürlich auch wieder viel Spaß an Dissonanzen. Ganz groß ist der Abschluss der Platte: ein viertelstündiges Interview, in dem sich Helge Schneider als präpotenter Radio-Mann selbst zum neuen Album befragt ...
Bei aller eigenwilligen Brachial-Komik erkennt man bei Helge Schneider in den letzten Jahren trotzdem eine gewisse "Angepasstheit" (doch dieses Wort bleibt in Zusammenhang mit Schneider elendiglich fehl am Platze). Anders formuliert: waren Filme wie "Texas" oder "Praxis Dr. Hasenbein" noch derart grotesk und für manchen vielleicht schwer zu ertragen, so gehen jüngere filmische Werke wie "Jazzclub" oder auch das neue Album etwas sanfter und wohlwollender mit ihren Charakteren um. Dauerauftritte bei Stefan Raab, die bevorstehende Monster-Tournee und die Rückkehr zu EMI passen da gut ins Bild. Aber das ist keine Angepasstheit, sondern lediglich die logische (und konsequente) Entwicklung eines Ausnahme-Entertainers, der live vor allem durch sein unnachahmliches Improvisationstalent glänzt. Helge Schneider ist und bleibt ein einmaliges Gesamtkunstwerk.
# Robert Innerhofer
Und als kleiner Appetizer hier die Kurzbio von Helge Schneiders Homepage:
Hinsetzen und lesen!
Helges Bio im Computer:
Helge wurde am 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren. Deshalb wollte er zunächst Clown werden.
Er verklitt sich schon als kleiner Junge als Opa. Die Schule war für ihn kein Hindernis. Er machte weder Abitur noch ähnliches. Weil er mit 17 in eine eigene Wohnung ziehen wollte, ging er von zuhause fort. Dann kam alles Knall auf Fall!
1993 Texas und damit Katzeklo. Jetzt Käsebrot. Als Rollendarsteller genauso gefragt (in dem Film Führer zum Beispiel) wie auch vor allen Dingen auf der Showbühne als Komiker und Entertainer neben Größen wie Johannes Heesters, der nur wenige Tage vor Schneider in demselben Konzertsaal auftritt oft!
Helge ist Jazzmusiker und versteht es wie kaum ein(e)andere(r), diesen "Way of making music" heimlich in seine Auftritte einzuführen. Helge hat viel zutun und kaum Privatleben. Wenn er mal Zeit hat, sind seine Hobbies Holzhacken. Er fliegt nicht und hat vor sieben Jahren aufgehört mit rauchen. Sein Klavierspiel ist ein Produkt seiner mittlerweile fast fünfzigjahrelang dauernden täglichen Übe-Stunden.
INTERNET:
www.helge-schneider.de
Die offizielle Homepage von Helge Schneider
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