Die Indiepop-Sympathen legen mit ihrem dritten Album "Wincing the night away" ein düsteres Werk für Zwischenzustände vor.
Begeisterung über diese Band äußert sich durch die Bank im schnellen, 3-mal hintereinander Wiederholen des Bandnamens. Eine schöne Tradition und jede Band braucht eine. Und The Shins haben sich Begeisterung schon verdient. Ihnen ist dieses kleine Kunststück gelungen, das nur wenigen Indiebands gelingt, nämlich, sich trotz eines fetten Collegeradiohits ("New Slang"), Auftritten in sämtlichen zielgruppenorientieren und quotenträchtigen Fernsehserien von "The OC" bis "Gilmore Girls", Zach Braffs tiefer Verbeugung vor der Band in seinem Film "Garden State" und einhelligem Kritikerlob von traditionell-konservativen Blättern wie dem Rolling Stone über die Eh-alles-gut-Finder vom Musikexpress bis zu den Alternativpuristen von Visions, ihre Fanbasis treu zu halten und ihre Indiecredibility und Eigenständigkeit zu wahren.
Am Sound kann es nicht liegen, denn die Shins musizieren klassisch mit Gitarre (vornehmlich akustisch), Bass und Schlagzeug, ihre Arrangements sind locker, leicht und sparsam.
Vielleicht liegt es daran, dass die Typen unendlich sympathisch, allürenfrei und völlig normal auftreten. Was ihnen aber auf jeden Fall zugute kommt, sind die Songwritingskills von Mastermind James Mercer. Kein anderer schreibt solche Melodien. Klein, immer etwas verschroben, mit Musik-Wort Kombinationen, wie man sie sonst nirgendwo findet und voller Bilder, die es einem schwer machen zu verstehen, was er tatsächlich meint. Aber trotzdem immer poppig, eingängig, charmant und voller Wärme.
Mit "Wincing the night away" haben sie wieder einen musikalischen Schritt nach vorne gemacht, ohne das Shins-Universum zu verlassen. Ihr Debütalbum "Oh, Inverted World" war, dem Cover entsprechend, die blaue Stunde der Band, ruhig und nachdenklich. Der Zweitling "Chutes too narrow" trug ein kunterbuntes Cover und die Songs sprangen umher wie kleine Kinder am ersten Frühlingstag. Das aktuelle Cover ist in beige gehalten mit schwarzen Tuschezeichnungen und das Album ist düsterer, melancholischer, kantiger und in Teilen etwas kälter als die Vorgänger. James Mercer erzählt, er habe die meisten Songs mitten in der Nacht geschrieben, beim Wegen-Schlafstörungen-Herumwandern. Diese Stimmung habe sich auf die Songs übertragen.
So beginnt "Wincing the night away" schlüssigerweise mit "Sleeping Lessons" und James Mercers verhallten Stimme über eine verfremdte, dahintropfende Gitarre. Wenn man sich dann endlich in den Song hineingefunden hat und die Stimmung zwischen Schlaf und Wach so richtig spüren kann, krachen die E-Gitarren. "Australia" kehrt musikalisch zur Glückseligkeit von "Chutes too narrow" zurück, erzählt aber die Geschichte eines Ehealbtraums.
Been in love since you were twenty-one,
You haven't laughed since January,
You try and make this up this is so much fun,
But we know it to be quite contrary...
But nothing happens every time I take one on the chin..
..So give me your hand,
And let's jump out the window
Ein verstörendes, fiebriges Gitarrenzwischenspiel und dann folgt die erste Single "Phantom Limb", einer dieser unwiderstehlichen, süchtigmachenden Shins Hits mit schwebenden Melodien, schönen Bildern und Brüchen ebendieser. Erzählt aus der Perspektive eines Mädchens, geht es in dem Lied um Verlorenheit und Suche. Klarer wird Mercer nicht, doch er kommt am Ende zu dem Schluss:
"This town seems hardly worth our time."
"Sea Legs" ist eine wunderbare Liebesgeschichte zu kühlen, groovenden Elektrobeats und bedrohlicher Gitarre und einem Refrain, der Depeche Mode zur Ehre gereicht hätte:
Girl, if you're a seascape
I'm a listing boat, for the thing carries every hope.
I invest in a single lie.
The choice is yours to be loved
Come away from an emptier boat.
Und spätestens beim Sythesizersolo dürfte auch jeder eingefleischte Shins Fan wissen, dass hier noch einige Überraschungen warten. Sie schieben nämlich das wortgewaltige "Red Rabbits" hinterher, das einem vorgaukelt ein Schlaflied zu sein, auf dass man es zu leicht nehme und irgendwann nicht mehr weiß, wo man den Text hinverstauen soll. "Turn on me" ist nur eine kurze Auflockerung, denn "Black Wave" klingt wie es heißt,"Split needles" ebenfalls, zwei Stücke, die fiebrig wabern und wenig Luft zum Atmen lassen.
Die zweite Hälfte bleibt näher am Oberthema der Nacht als die erste Hälfte und entwickelt eine Schwere, wie man sie von den Shins bisher nicht gewöhnt war. All diese Stücke hinten zu versammeln, wo die Aufmerksamkeit tendenziell immer abnimmt, war vielleicht nicht die beste Entscheidung, doch wer sich ein zweites Mal zu dieser Platte setzt und einfach in der Mitte einsteigt, wird Großartiges entdecken. Wären The Shins nicht schon alle in ihren 30ern könnte man "Wincing the night away" als ihre erwachsenste Platte bezeichnen. Am Ende erscheint ein Komet und Mercer erklärt:
Never worked so long and hard
To cement a failure
An seiner Selbstwahrnehmung darf er noch arbeiten, denn mit "Wincing the night away" ist den Shins wieder ein geschlossenes Werk und großer Wurf gelungen. Auch wenn dieser Brocken schwerer zu schlucken ist, als alle bisherigen.
Internet:
http://www.theshins.com/
Offizielle Homepage von The Shins
# christoph schwarz
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Ist das tatsächlich eine Tradition? Und besteht diese Tradition auch bei Menschen, die wir nicht kennen? ;) Egal. Tolle Review, noch tolleres Album! Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.
Begeisterung ist genug da um es direkt nochmal hinterher zu schieben! The Shins, The Shins, The Shins!! :)
Aber wenn du eine Vorliebe hast für "Musik-Wort Kombinationen, wie man sie sonst nirgendwo findet und voller Bilder, die es einem schwer machen zu verstehen, was er tatsächlich meint" ;-) dann probier doch mal die 'Mein Weg' von BETHLEHEM. In der Hinsicht auch unschlabar, und dieses spezielle Album von ihnen ist auch sehr rockig.