Wüstenfuchs und Indie-Rock-Kultfigur Howe Gelb war am Freitagabend (09.06.2006) im Rahmen der "Radian"-Kontracom-Konzerte zu Gast im Salzburger Republic.
Wie cool kann man eigentlich sein?
Wenn es einen Wettbewerb für natürliche Coolness gäbe, wäre er wohl ein Anwärter für die Goldmedaille: Howe Gelb, Musiker, Songschreiber, Sänger und Chef der US-Wüstenrockband "Giant Sand". Bei seinem kurzen, feinen Gastspiel im Rahmen der Kontracom-Konzerte im Republic, unter der Schirmherrschaft der Elektrorocker "Radian", sorgte die "graue Eminenz des US-amerikanischen Gitarrenundergrounds" für knisternde, dichte Song-Atmosphäre.
Mit lässigem Hut und einer auch sonst sehr klassen Garderobe, der Gitarre um den Hals oder dem Klavier vor dem Leibe, oder beidem gleichzeitig, jammte sich Gelb durch sein Soloprogramm. Klassische amerikanische Liedkunst mit einem gravierenden Detail: Der Freude am Zerstören. Nicht, dass sich die Songs des Musikers nicht auch als "schön" oder "stimmig" bezeichnen ließen, aber man muss schon genau hinhören, um den Spuren im Wüstensand immer folgen zu können.
Arizona. Von dort kommt Howe Gelb - aus Tucson, um genau zu sein. In einem Lied dann widmet er sich auch der Heimat. Vor dem Song aber erklärt er, nichts mit einem Patriotismus im herkömmlichen Sinne anfangen zu können. Mehr noch - es darf ihn gar nicht geben. Und dann meint Gelb (nicht ohne Augenzwinkern), dass höchstens die eigene Plattensammlung dafür ausschlaggebend sein kann. Ob in Dänemark (dort lebt Gelb zum Teil) oder Österreich oder sonst wo auf der Welt. Man ist, was man hört. Und wenn dem wirklich so ist, dann komm ich aus der Wüste.
Die tiefe, raue Erzählerstimme, gepaart mit der lockeren, sympathischen und stets schmunzelnden Art des Sängers, kurz seinem Charisma, ist erbauend. Dieser Erhabenheit jedoch wird oft eine musikalische Dekonstruktion entgegengesetzt. Plötzlich erklingen Streichersymphonien durch Soundspielereien an der Gitarre, werden laute, aggressive Rockteile hineingefetzt oder eben doch meist intensiv, introvertiert und ruhig die Klampfe gezupft - allerdings nicht ohne dabei ständig zu überraschen und Haken zu schlagen.
Die Improvisationskunst, seiner an und für sich klar strukturierten Lieder, macht der Musiker vor allem dann deutlich, wenn er sich mit der Gitarre um den Hals ans Klavier setzt und dann mitten in den Akkordfolgen das Instrument wechselt, oder sie sogar kurz gleichzeitig bedient. Doch einfach so Klavierspielen ist ja langweilig - Gelb legt irgendetwas ins Klavier hinein, um einen richtig organischen Klapperklang zu erzeugen. "Giant Sand"-Songs wie "Shiver", neuere Stücke wie "Classico" oder Countryklassiker wie "Wayfaring Stranger" machen den Abend zu einem großen musikalischen Kinobesuch. Allerdings in Schwarzweiß. Und nationale Farben interessieren sowieso keinen ...
Die Schande aber bleibt, dass immer noch zu wenige von Gelb Notiz nehmen, und das wird sich wohl nicht ändern. Zwar gilt er seit 25 Jahren mit seiner Band "Giant Sand" als Guru des Indie-Countryrock, doch anders als seine früheren Bandmitglieder, die jetzt mit ihrer (grandiosen) Band "Calexico" Erfolge feiern, dümpelt Gelb weiter unter der Oberfläche des von einer breiten Masse wahrgenommenen Popgewässers dahin. Etwas anderes würde aber wohl auch nicht zu ihm und seiner Musik passen. Also bleib cool, Giant Howe.
PS: Als der Schreiber dieser Zeilen einen Tag nach dem Konzert verträumt in seinem Wagen durch die Straßen kurvt und an der roten Ampel am Mozartsteg zum stehen kommt, quert nur eine Person den Fußgängerübergang, Howe Gelb. Dieser ist gerade auf Salzburg-Erkundungstour, macht einen interessierten, quickvergnügten Eindruck und tänzelt dabei förmlich über den Steg der Salzach hinfort ...
# Robert Innerhofer
INTERENET:
www.giantsand.com







