Denis Johnson gibt mit "In der Hölle" intensive und beängstigende Einblicke in drei, für Außenstehenende völlig surreal erscheinende Szenarien dieser Welt: Reportagen aus dem kriegsgebeutelten Afrika.
"Ich habe eine Taschenbuchausgabe des Neuen Testaments dabei, aber es fällt mir nicht leicht, darin zu lesen, denn im Augenblick lebe ich selbst in der Welt der Bibel - einer Welt der Krüppel und Monster, einer Welt der verzweifelten Hoffnung auf einen wütenden Gott, einer Welt der Verbannung, der Machtlosigkeit und des Wartens, Wartens und Wartens. Aber auch einer Welt der Wunder und der Erlösung."
"The Last King Of Scotland" und "Blood Diamond" sind nur zwei Elemente der mittlerweile doch recht beträchtlichen Anzahl an Medienprodukten welche sich mit dem schwarzen Kontinent befassen. Auch Filme wie "Hotel Rwanda", "Der Ewige Gärtner" und "Catch A Fire" erzählen halbdokumentarisch aus verschiedensten politischen und ethnischen Problemfeldern der afrikanischen Länder. Schonungslos und bedrückend eindrucksvoll wird hier ein völlig neues Bild von Afrika geschaffen. Einem Afrika weit weg vom schielenden "Daktari"-Löwen Clarence oder den verträumten Safari-Visionen eines Hemingways. Aber woher kommt nun diese Faszination der Mainstream-Unterhaltung an derlei schwerer Kost, welche darüber hinaus wahre Hintergründe hat? Eine gute Frage, doch die Beantwortung würde hier wahrscheinlich Ziel und Rahmen sprengen.
Das Sammelsurium an Afrika-Berichterstattung hat nun wieder hochkarätigen Zuwachs bekommen. Mit "In der Hölle" schuf Denis Johnson, bekennder Ex-Junkie und White-Trash-Autor ("Angels") einen Reportage-Band in welchem er von seinen Erfahrungen im schwarzen Kontinent erzählt. Erfahrungen welche er Anfang der Neunziger Jahre in afrikanischen Bürgerkriegsregionen machte. Im gnadenlosen Klammergriff von Warlords, die von Rebellen-Milizen und willenlosen Kindersoldaten unterstützt werden und die lethargische Bevölkerung knechten erlebt der Autor eine Zeit voll wilder Extreme.
"Maschinengewehrschützen im Zwielicht - Spezialisten nennen sie sich -, Geländewagen mit abgesägten Dächern, auf dem Rücksitz Flakgeschütze und rückstoßfreie Gewehre. Der Löwe (Anm.: Spitzname eines Reisebegleiters v. Johnson) verabschiedet sich hier plötzlich von uns - er ist eingezogen worden. Er wohnt jetzt an dieser Kontrollstelle, mehr ist dazu nicht zu sagen. In diesem Land ohne Regierung geben die Spezialisten den Ton an."
Während der ersten Reise erzählt er aus Liberia, wo nach dem Tod des Präsidenten Samuel K. Doe ein erbitterter Machtkampf zwischen Charles Taylor und Prince Johnson entbrannt ist. In einer "Atmosphäre aberwitzigen Grauens" erlebt Denis Johnson Soldaten in Duschhauben und Frauenkleider, die bekifft und besoffen Jagd auf Kinderbanden mit blondlockigen Perücken machen, währenddessen Rebellenführer Prince Johnson ein Reggae-Konzert gibt, um den versammelten Journalisten kurz darauf ein Video zu präsentieren in welchem er Ex-Präsident Doe zwingt seine frisch abgeschnittenen Ohren zu verspeisen. Interessant ist, dass Denis Johnson sich in diesem Irrenhaus fast wohl zu fühlen scheint. Mit messerscharfer Pointierheit und pessimistischem Tonfall berichtet er unglaublich nüchtern und wütend, und transportiert somit weit mehr Gefühl als man anfänglich zu lesen bereit ist.
Doch keine Zeit zu Verschnaufen, bereits zwei Jahre später reist Johnson erneut nach Liberia, diesmal um Charles Taylor zu interviewen (der 2003 nach Nigeria ins Exil flüchtete), und im Auftrag einer amerikanischen Zeitschrift ein Portrait über den berüchtigten Kriegsherren zu verfassen. Über sich selbst in der dritten Person erzählend gelingt es Denis Johnson rasch seine eigenen Zweifel spürbar zu transportieren. Warum lässt er sich überhaupt auf derartige Himmelfahrtskommandos ein, während Frau, Kind und gutbezahlter Job in so unerreichbare Ferne rücken. "Ich bin der Idiot mit Zettel und Stift", beschreibt sich Johnson in der zweiten Geschichte selbst, und er hat nicht ganz unrecht. Das Treffen mit Taylor findet zwar statt, doch da das Tonbandgerät ständig im Wind stand sind die Aufnahmen unbrauchbar und die ganzen Strapazen umsonst.
"Vielleicht möchten die Gäste das Krankenhaus sehen? Das Isbetaalke-Guria, fünf Stockwerke hoch, ein Gebäude, das so verdreckt und übel riechend wie eine New Yorker U-Bahn-Station ist und voller widerhallender Schreie? Vielleicht möchten sie einen kleinen Jungen kennen lernen, der von einem Minenwerfer getroffen wurde und jetzt an Tropf und Katheter hängt, während er, sein Spielzeuggewehr aus Plastik neben sich, in einem kellerähnlichem Raum auf seine dritte Operation wartet? Möchten einen Blick auf seinen Bauch werfen, der aussieht, als hätte sich ein Hai daran gütlich getan? Sich mit Männern ohne Beine, ohne Arme, ohne Gesichter unterhalten? Es ist heiß. Frauen sitzen neben Verwundeten und wedeln ihnen mit kleinen Fächern aus gewebtem Stroh Luft zu. Kein Arzt in Sicht. Es gibt keine Medikamente."
Als Johnson kurze Zeit später nach Somalia reiste um General Aidid zu treffen ist jegliche Vernunft längst dem literarischen Wahnsinn gewichen, dieser Reportageband ist wahrlich nichts für zarte Gemüter. In einer Welt voller Willkür, Folter und sinnloser Gewalt vermag Denis Johnson zwar zu berichten, doch unvoreingenommen ist er schon längst nicht mehr. Wen wundert es also, dass er am Ende seiner Reportagen "Kümmert es da draußen irgendwen?" fragt, obwohl er die Antwort schon längst kennt.
Man ist froh, dass Denis Johnson diese Gefahren auf sich genommen hat. Auch ohne filmische Hilfestellung vermag "In der Hölle" zu schockieren, nach dem Weglegen des Buches bleibt erstmal ein fassungsloses Vakuum, gefüllt mit Wut, Unverständnis, Mitleid und Neugier. Trotz (oder gerade wegen) dieser Greuel und der stets präsenten Hoffnung der Bevölkerung entwickelt sich der schwarze Kontinent während des Lesens zu einem Mysterium. "Schrecklich schön" konstantierte die Süddeutsche Zeitung, es bleibt wohl nichts hinzuzufügen.
#Günther Schmidhuber
Auch FRITZ-Userin Martina berichtet regelmäßig von ihrem Volontariat in Nigeria und gibt uns Einblicke in diese Welt.
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