Dienstag, 11.09.2007, Rockhouse Salzburg: Das Pop-Quartett und unsere Liebe zu den Beatles. Help!
The Beatles. Puuh. Was wurde da nicht schon alles gesagt, geschrieben und gecovert. Die beste Band der Welt sollen sie (gewesen) sein, zudem haben sie als Gruppe die erste echte Massenhysterie der Rockhistorie ausgelöst, sie waren innovative Impulsgeber, deren Strahlkraft alle Generationen überdauert und überhaupt die unerreichten Meister des Songwritings. Sie sind essenzieller Bestandteil der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und neben dem vor 30 Jahren verstorbenen King, Elvis Presley, ist John Lennon wohl die wichtigste und tragischste Figur im "Pop-Olymp".
Jetzt genau 4 Dekaden nach 1967, dem "Sommer der Liebe" (dem der Sommer der Desillusionierung folgte), in dem die Beatles mit "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" auf mehreren Ebenen musikalisches Neuland betraten, scheint die Zeit wieder mal reif für ausführliche Jubiläums-Specials. So trafen sich nach einer Sommerpause (das gab's davor) auch wieder die Herren vom Pop-Quartett, um eben mal den "Fab Four" aus Liverpool einen ganzen Abend zu widmen.
Neben SN-Kulturredakteur und Pop-Gespräche-Initiator Bernhard Flieher, der eingehend auch noch eine Reihe anderer Jubiläen, wie das erste Zusammentreffen der Beatles mit Bob Dylan vor 43
Jahren und 14 Tagen oder jenes mit Elvis vor 42 Jahren und 15 Tagen erwähnte, nahmen auch wieder SN-Kulturredakteur Clemens Panagl und Salzburger Fenster-Redakteur Helmut Hollerweger ihren angestammten Platz auf der Couch ein. Diesmal handelte es sich allerdings um ein Pop-Quintett, denn gleich zwei Gäste komplettierten die Gesprächsrunde: SN-Redakteur Ronald Escher als passionierter 60's- und Beatles-Kenner und, last but not least, Stootsie von The SeeSaw, welcher sozusagen die Musikerfahne hoch gehalten hat.
Kurz zum Ablauf: Die anwesenden Diskutanten legen üblicherweise jeweils ein, zwei ausgewählte Songs auf, die im Anschluss Ausgangspunkt für ein klarerweise völlig unbefangenes Gespräch sind. Bernhard Flieher übernimmt dabei den Part des gestrengen Diskussionsleiters und schreckt auch nicht davor zurück, unpopuläre Ansichten kund zu tun. Ein Umstand, der die Diskussion ankurbelt und einen schon mal mit einem emotionalen Unwohlsein konfrontiert, weil schließlich gehört Pop ja jedem Musikfan gleichermaßen - oder? Und jeder hat bekanntlich eine Meinung, eine unumstößliche, versteht sich. Manchmal möchte man aber einfach nur rufen: "Hallelu..." -- ja! Helmut Hollerweger ist da meistens etwas vorsichtiger und wohlmeinender (allerdings nicht diesmal), während Clemens Panagl nicht nur mit humoristischen Seitenhieben aufhorchen lässt, sondern sich manchmal ebenso gerne provokant auf dünnes Eis begibt. Die Diskussionsgäste halten sich dabei meistens, und klarerweise gibt es Ausnahmen, etwas im Hintergrund.
Ronald Escher, als einziger Diskutant in den Sechzigern schon alt genug, um hautnah dabei zu sein, war von Anfang an eben in dieser "Rolle". Er lieferte dementsprechende Statements, die allerdings von einer analytischen Präzision waren und zudem einem Fan-Herzen entsprangen, weil mit den Beatles sein eigenes Heranwachsen (und vielleicht auch das Heranwachsen des gesamten nach Freiheit strebenden, modernen Daseins, Anm.) wesentlich verändert wurde - wohin die allgemeine Reise führte, sei hier mal dahingestellt. Der Grund, warum die Beatles für das 20. Jahrhundert so wichtig waren bzw. sind, ist laut Ronald Escher, dass sie nicht nur durch ihre großartige Musik, sondern auch im zeitgeschichtlichen, kulturpolitischen und sozialen Kontext enorme Bewegungen herbeiführten.
Die erste musikalische Kostprobe war eine scheppernde Rarität, die Stootsie in seinem Besitz hat: eine Vinyl-Aufnahme aus dem Jahre 1962, kurz vor dem großen Durchbruch, als die Beatles immer noch im Starclub in Hamburg unterhielten. Bernhard Flieher (gegenüber den frühen Beatles für gewöhnlich eher skeptisch eingestellt) erinnerte sich an eine euphorische Aussage des Bruders betreffend eine frühe Beatles-Live-Aufnahme: "Do heast ka Musik, is des geil!" (wegen der kreischenden Fans, Anm.)
Während Ronald Escher die Vorbildwirkung der Beatles hervorhob und mit einem Zitat aus dem Song "Nowhere Man", die von der älteren Generation diktierten 60er Jahre auf ihren Kern hin verdichtete, provozierte Bernhard Flieher mit der Aussage, dass die Beatles am Anfang ihrer Karriere zum Teil eine anbiedernde Haltung eingenommen hätten. Ronald Escher konterte indem er sinngemäß von einer Revolte der Gesellschaft sprach, welche die Beatles eben von Innen angingen.
Nachdem die Abschlussnummer von "Sgt. Pepper's", "A Day In The Life", angehört wurde, erzählte Ronald Escher vom Schock, den die drogeninduzierte Gleichgültigkeits-Lyrik damals bei ihm verursachte (auch die Atombombentheorie des auf fünf Klavieren angeschlagenen Schlussakkords wurde erwähnt ...) Auf Clemens Panagls Frage, wie es sich denn heute damit verhielte, meinte Escher, dass die Faszination dafür zwar geblieben sei, er aber gelernt habe, "mit dem Schockierenden umzugehen". Worauf Helmut Hollerweger, etwas entnervt, die berechtigte Frage nach einer gewissen nostalgischen Verklärung in den Raum stellte.
Dies führte im Anschluss zur jener unvermeidlichen Grundsatzdiskussion, ob denn nun alles, was nach den Beatles gekommen ist, ohne die Beatles so nicht entstehen hätte können, oder ob andere, spätere popkulturelle Phänomene (Flieher: The Clash, Nirvana) eine ähnlich wichtige, und vor allem eigenständige "Revolte" hervorgebracht hätten. Da schieden sich die Geister, klarerweise. Und jeder hatte aus seiner Sozialisierung heraus betrachtet Recht, mehr oder weniger. Ronald Escher meinte beispielsweise, nachdem nicht nur Bernhard Flieher schon ein bisschen unruhig wurde, dass die Musik der Beatles auch heute noch funktioniert, losgelöst vom damaligen Massenphänomen, sie hätten allerdings das Ganze nicht erfunden, sondern eben maßgeblich "bewegt".
Für die Gesprächsrunde und die sensible, an diesem Abend zahlreich erschienene Hörerschaft folgte im Anschluss der humoristische Stimmungshöhepunkt des Abends.
Denn nachdem Ronald Escher sagte, dass die Beatles für seine Generation wie "dieser Schuss" waren, der dir sagt "Du lebst!", war Clemens Panagl an der Reihe (er hatte sich kurzfristig noch mit einem Beatles-Buch auf den Abend "vorbereitet"), um einen Song seiner Wahl zu präsentieren. Und zwar war das "Sgt. Hetfield's Motorbreath Pub Band" von jener amerikanischen Hybrid-Band namens Beatallica, die Beatles-Songs in ein Metallica-Gewand steckt bzw. die beiden Bands miteinander kreuzt und damit schon seit ein paar Jahren für "Erregung" sorgt. Helmut Hollerweger beschenkte anschließend das Publikum mit unverschämt komischen und psychopathischen Versionen der Nummern "Help!" und "She Loves You" von Peter "Inspector Clouseau" Sellers, die Hollerweger mit den Worten: "Es steckt ja doch was in den Texten", kommentierte.
Doch waren nicht gerade die Beatles selbst wahre Meister der Ironie und fabelhafte Vertreter des typisch britischen Humors? Liegt nicht darin der eigentliche Unterschied zu den Rolling Stones, abgesehen von den Songs? (Und draußen hör' ich gerade wen schreien: "Ich bin zwar kein Stones-Fan - diese alten Säcke - aber muss man die Vorzüge der Beatles immer damit unterstreichen, dass man die Stones als Blues-Diebe abtut!?" Ich antworte: "Halt die Klappe.") So, wo waren wir? Ach ja, Humor.
Es kann wohl nur ein unsägliches Versehen gewesen sein, dass nicht alle Beatles namentlich erwähnt wurden. Sinngemäß heißt das: Ringo ("Der Mann und seine Soloplatten sind unterschätzt"), Paul ("Wer braucht McCartneys Solowerk?") und John ("Als Lennon starb, hat die Welt innegehalten") wurden kurz thematisiert - doch niemand sprach über den 2001 verstorbenen George Harrison, den "stillen" Beatle. Die bereits fortgeschrittenen Diskussionsstunden zogen nach sich, dass jener wunderbare und so geheimnisvolle Lennon-Track vom letzten Beatles-Album "Let It Be" (1970), "Across The Universe", von Bernhard Flieher nur mehr kurz angespielt werden konnte. Dafür blieb noch Zeit, um abschließend ein paar Statistiken (die "fast" unzähligen Nummer 1-Hits etc.) vorzutragen und die Dreharbeiten und den Besuch der Beatles in Österreich im Jahre 1965 anzuschneiden.
Jemand aus dem Publikum meldete sich zu Wort und erzählte von der Demonstrationsanweisung ("Beatles go home!"), die ein gewisser brauner Klassenvorstand erteilt
hatte. Stootsie erwähnte die Journalistenfragen, die damals scheinbar "so scheiße" waren, dass die Beatles in ihrem Film "Help!" zum Schifahren nicht nach Österreich, sondern in die Schweiz gefahren sind: "Ich meine, wie bescheuert muss ein Land sein?" Mit diesem Satz von Stootsie hätte es Bernhard Flieher schon fast enden lassen, aber Clemens Panagl meinte: "Ja, mit The SeeSaw haben wir's ja dann wieder gut gemacht." Stootsie darauf schmunzelnd: "Wenn's net aufpassts, sand wir a weg!" Und eine grauenhafte 70er-Bombast-Coverversion von "Here Comes The Sun" beschloss die bunte Diskussion.
Allgemein zeigte sich, dass der "besten Band aller Zeiten" in einem knapp zweistündigen, unterhaltsamen Gespräch unmöglich, und wenn, dann mit Humor, beizukommen ist. Ein kurzweiliger und spannender Diskussionsabend wurde im Anschluss durch den psychedelischen 1967er Beatles-Film "Magical Mystery Tour" komplettiert (übrigens - für alle Insider - hat Ronald Escher zuvor noch verraten, dass das ominöse "Walrus" Ringo sei ...)
Und noch ein Hinweis: Ebenfalls diese Woche am Freitag, den 14.09.2007, gibt's im Rockhouse das Beatles Songbook "It Was 40 Years Ago Today", bei dem sich knapp ein Dutzend Salzburger Bands den Songs von John Lennon und Paul McCartney, von George Harrison und Ringo Starr annehmen werden. Um 20:30 geht's los.
# Robert Innerhofer
PS: Dank an Edith Zehentmayer vom Rockhouse für die Bereitstellung der Bilder.
INTERNET:
www.rockhouse.at
Die Rockhouse-Homepage, mit allen Infos zum kommenden Programm und weiteren Bildern.
Beatles Discografie:Please Please Me - 1963
With The Beatles - 1963
A Hard Day's Night - 1964
Beatles For Sale - 1964
Help! - 1965
Rubber Soul - 1965
Revolver - 1966
Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band - 1967
Magical Mystery Tour - 1967
The Beatles ("Weisses Album") - 1968
Yellow Submarine - 1969
Abbey Road - 1969
Let It Be - 1970
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andererseits verliert escher dann aber wieder völlig die glaubwürdigkeit, wenn er meint, dass nach den beatles überhaupt nichts mehr nachgekommen sei, das der rede wert wäre, und dass vor den beatles nichts revolutionäres stattgefunden habe. escher hat sich - wie viele andere - in der sentimentalitätssackgasse verrannt und findet nicht mehr heraus. schade, denn seine generation wäre die erste, die uns was über pop erzählen könnte. ich will aber nicht zuhören, wenn sie mangels beschäftigung nicht über aktuelles stellung nehmen wollen und können, oder wenn sie überhaupt alles ablehnt, was gegenwärtig passiert, weil es angeblich nicht gut ist.
ich klatsch jetzt das dylan-zitat, das den generation-gap der 60er jahre auf den punkt brachte, jenen "68ern" vor die füße, mit dem hinweis, dass diese zeilen längst nicht mehr euch gehören! uns gehören sie vermutlich auch nicht. ich glaube, sie gehören nur mehr dem grantelnden, ebenso in der vergangenheit haften gebliebenen dylan selbst.
Come mothers and fathers throughout the land
And don't criticize what you can't understand
Your sons and your daughters are beyond your command
Your old road is rapidly agin'.
Please get out of the new one if you can't lend your hand
For the times they are a-changin'.
Ich denke es ist wichtig, dass man die Dinge auch aus ihrer Zeit heraus betrachten lernt (und wenn man dabei den Thron, auf dem sie stehen, zerhackt: bittesehr). Dies impliziert klarerweise nicht die Verweigerung der Gegenwart oder einen grundsätzlich pessimistischen Blick darauf. Vielleicht ist aber auch ganz einfach der persönliche Geschmack, der zB Bob Dylan zu einem Gegenwartsverweigerer der aller "übelsten" Sorte macht. Die Gedanken sind frei, hoffen wir, dass es so bleibt ...
Nach der Trennung der Beatles wurde die Sache zum Teil ja eher hässlich und kindisch, Stichwort: Streithälse. Und doch hat John Lennon, neben weniger geglückten Statements ("How Do You Sleep?"), zB bei seiner Nummer "God" eben genau jenen Bruch mit aller Verherrlichung getan, der von Zeit zu Zeit so dringend nötig ist: "I don't believe in Elvis, Zimmermann, Beatles usw." - er würde es uns hoffentlich nicht verübeln, wenn wir ihn auch nicht heilig sprechen.
"All that phoney Beatlemania has bitten the dust", Joe Strummer, 1979
if you wanna be a hero just follow yourself :-)
Too noble to neglect
Deceived me into thinking
I had something to protect
Good and bad, I define these terms
Quite clear, no doubt, somehow.
Ah, but I was so much older then,
I'm younger than that now.
Is mir grad eingefallen.......Vielleicht lieg ich ja völlig daneben.....