Im zweiten Teil unseres Interviews mit HIM diskutieren Ville und Migé über progressives Musikmachen, Type O Negative, über ihre Anteile an derselben Firma und über schmalzige, finnische Bands...
FRITZ: Ihr habt viele Metal-lastige Instrumental-Parts auf dem Album. Wolltet ihr endlich mal zeigen, dass HIM mehr sind als nur Ville Valo?
Ville: Es war immer schon so.
Migé: Wir brauchen dies nicht extra zu betonen.
Ville: Es war immer eine Band von alten Freunden. Wir waren einfach von vielen Songs besessen, die mit meinen Ideen begonnen haben. Ich selbst liebe Instrumental-Musik. Wir haben viele Alben gemacht, die sehr geradlinig waren, du weißt schon, Riff - Strophe - Refrain - Riff - Strophe - Refrain - Solo - Refrain - Ende, was ok ist, wenn es gut klingt, aber es ist auch sehr nett mal was andere auszuprobieren. It's nice to let the music do the talking and bullshit do the walking!
Migé: Ja, es ist manchmal unheimlich.
Ville: Was ist unheimlich? (lacht)
Migé: Na ja, so Parts wie diese zu machen. Ich habe ein paar Metal-Bands gehört, die das machen und sie spielen das Spiel weiter und weiter und weiter.
Ville: Du sprichst jetzt aber nicht von Type O (Abkürzung der Band Type O Negative; Anm. d. Verf.)?
Migé: Nein, nicht Type O. Ich werde keine Namen nennen, aber es sind finnische Bands, die nicht mehr zusammen spielen. Nette Kerle.
Ville: Ja, du findest es manchmal so geil, wenn du so Progressive-Rock-Sachen ausprobierst...
Migé: ...und spielst es dann zwei Minuten lang.
Ville: Ja, aber das ist auch eine Chance. Bands wie Mastodon haben lange Instrumental-Parts und viele Riffs und schaffen es aber, es interessant zu gestalten, was sehr cool ist.
Migé: Herausfordernd.
Ville: Eine Herausforderung und wir suchen immer nach einem Weg, um uns als Musiker zu verändern und zu entwickeln. Warum sollten wir nicht verschiedene Dinge machen?
FRITZ: Ihr seid der Frage ja fast so schön ausgewichen, wie professionelle Politiker. Migé, ist es für dich nicht manchmal echt unbefriedigend immer im Schatten von Ville zu wandeln und immer nur ihn und nicht dich selbst auf den Covers der Musikmagazine zu sehen?
Migé: Auch wenn es so wäre, könnte ich es nicht sagen, weil es mich zu einem echten Arschloch machen würde. Mir macht es also nichts aus, es ist im Gegenteil manchmal sogar befreiend. Für die Leute ist es natürlich einfacher, sich auf eine Person zu konzentrieren. Wenn du die Band echt magst, findest du auch genügend Infos zu den anderen Mitgliedern, egal ob du nun vom Sänger, dem fetten Schlagzeuger oder dem fetten Bassisten fasziniert bist.
FRITZ: Das hast jetzt du gesagt. Es hat also keinen Einfluss auf eure Freundschaft?
Migé: Nein.
Ville: Wir waren nie Freunde.
Migé: Und werden es nie sein! (lachen)
Migé: Es ist ein Jammer, dass die Leute immer denken, es würde mich stören.
Ville: Wir haben doch eh nur zufällig Geschäftsanteile in der gleichen Firma. (lacht)
Migé: HIM ist eigentlich nur unser Manager. Der hat sich das alles ausgedacht und wir sind nur die bedeutungslosen Arbeitspferde.
FRITZ: Fühlst du dich geehrt, wenn jemand deinen Stil kopiert? Ich denke da an deinen Klon Bam Margera.
Ville: Bam ist ein Pro-Skateboarder, Video-Regisseur und ein echter Star in den Staaten. Er ist ein großer Fan der Band und hat sich lediglich ein paar Tattoos stechen lassen, die ich auch habe und ich habe ihm einige Shirts gegeben, die ich getragen habe. Er ist keine Kopie von mir, sondern nur ein Freund. Ein ziemlich durchgeknallter, aber ein sehr guter.
FRITZ: Apocalyptica haben ja auch gerade ein neues Album am Start. Wie wär's mit einer gemeinsamen Tour?
Migé: Wenn's dir nichts ausmacht, passe ich.
Ville: Sie sind sehr gut in dem was sie tun, aber sie haben einen ganz anderen Zugang als wir. Hmm. Ich passe auch. Vorerst mal. Wir tourten ja vor einigen Jahren schon einmal mit Negative und Rasmus. Es war irgendwie lustig, aber gleichzeitig ziemlich verwirrend für manche Leute, die bei den Gigs waren. Like an overdose of finishness.
Migé: Es ist ein bisschen problematisch zwei Bands gemeinsam auf Tour zu schicken, nur weil sie aus demselben Land sind. Übrigens hasse ich klassische Musik, ich verachte sie.
FRITZ: Beim Track "Song Or Suicide" zeigt ihr uns eine gänzlich neue Facette von HIM. Hast du vor - so wie derzeit Chuck Ragan (Hot Water Music) oder Eddie Vedder (Pearl Jam) - dich auf Singer/Songwriter-Solopfade zu begeben?
Ville: Jeder macht diesen Scheiß immer, das ist aber meistens langweilig. Ich mag zwar Leonard Cohen, Neil Young und Johnny Cash, aber obwohl ich minimalistische Musik schon toll finde, ist Singer/Songwriter-Zeug meistens scheiße und lediglich eine billige Kopie von dem, was Bob Dylan in den 60ern gemacht hat. Ich mag akustische Songs, aber es ist die Kombination mit den ganzen anderen Elementen, die es interessant macht für mich.
FRITZ: Ist die Akustikgitarre der erste Zugang zu einem neuen Song bei euch?
Ville: Bei manchen, vor allem wenn es um den melodischen Aspekt geht. Aber manchmal fangen wir auch mit der E-Gitarre an. Es geht immer in verschiedene Richtungen und das macht es interessant. Ich möchte nicht sagen, dass es ein magischer Prozess ist, aber wir werden ständig davon überrascht. Es ist cool, dass sich nach all den Jahren die einzelnen Songs ganz verschieden entwickeln. Andernfalls würde es ziemlich langweilig werden.
FRITZ: Gibt es eigentlich innerhalb Finnlands eine Art Konkurrenzkampf zwischen den Bands aus Helsinki und denen aus Tampere?
Migé: Nein, das denke ich nicht. Ich hab's zumindest noch nicht mitbekommen. Wir kommen ganz gut miteinander aus.
Ville: Negative sind aus Tampere, oder? Ich kenne sowieso nicht viele finnische Bands.
FRITZ: Uniklubi oder Lovex auch zum Beispiel.
Ville: Lovex hab ich mal getroffen, aber nie was von ihnen gehört.
Migé: Ich hab mal ein Video von Lovex gesehen. Die sind ziemlich cool.
Ville: Oh, das war das richtig schmalzige, oder?
Migé: Ja, es ist sehr kitschig, aber... eigentlich ganz gut... na ja... eigentlich nicht gut. Ok, ich kann das eigentlich nicht sagen, aber ich sag es trotzdem: Es ist scheiße.
Ville: Um auf deine Frage zurückzukommen: Tampere ist eine der größten Studentenstädte in Finnland. Dort leben 70 Prozent Ladies und 30 Prozent Typen. Viele junge Männer wollen natürlich deswegen dahin ziehen. Tampere hat auch ein bunteres Nachtleben als Helsinki, aber alle Labels und die großen Venues sind in Helsinki. Was kann eine Stadt aber im Endeffekt schon tun, um eine Band besser oder schlechter zu machen? Das Equipment ist überall dasselbe. The voltage is different.
FRITZ: Vielen Dank.
#stephanie bürgler
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