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Neil Young - Chrome Dreams II
vor 277 Tagen | Kommentare [0] | Tags: cdkritik, neil_young, reviews, robi | Autor: robi

Neil Young rockt nach wie vor, wie er es will. Der große Songwriter schlägt auf seinem aktuellen Album ein paar Haken mehr und jagt uns und sich wieder mal den (geistigen) Highway des Lebens hinab. Die Welt im Song.

Neil Young - Chrome Dreams II, RepriseRecords/Warner 2007.Neil Young ist zwar gerade dabei sein äußerst üppiges Archiv zu ordnen und regelmäßig Fans mit der Veröffentlichung von bislang unter Verschluss gehaltenen Konzertmitschnitten zu erfreuen, für Neues ist aber immer Zeit. Und so bleibt der mittlerweile 62-jährige "Godfather Of Grunge" seine Strategie treu, jedes Jahr ein neues Album rauszuhauen. "Chrome Dreams" sollte eigentlich eine Platte in den Siebzigern heißen, welche aber nie veröffentlicht wurde. Stattdessen wurden die Songs, die darauf zu hören gewesen wären, auf anderen Alben verwendet - darunter auch zum Beispiel der Young-Klassiker "Like A Hurricane". Dass der große, in Kanada geborene Songwriter sein aktuelles Werk "Chrome Dreams II" nennt, hat wohl damit zu tun, dass einige der Songs schon länger in Neil Youngs Schublade stecken, aber sich bisher immer vor dem Recorden gedrückt haben. Und weiters wäre die originale "Chrome Dreams"-Platte nach eigenen Angaben ein Album gewesen, welches sich aus sehr unterschiedlichen Genre-Songs zusammengesetzt hätte, ähnlich verhält es sich mit den "neuen" Chrome Dreams ...

"The world is full of answers
Some are right, some are wrong
The one that I believe in
Is a wish in a song" - aus "Ever After" von "Chrome Dreams II"
Mit dem lieblichen "Beautiful Bluebird" zwitschert das Album in filigraner Volksliedmanier los und nimmt mit dem luftigen "Boxcar" vorsichtig Fahrt auf. Diese ersten beiden, geschmeidigen Tracks bereiten den Hörer behutsam auf das zentrale Monstrum vor: "Ordinary People" dauert satte 18 Minuten und ist ein wahres Opus. Neil Young beschreibt darin unterschiedliche Lebensrealitäten von ganz unterschiedlichen Protagonisten und erweist sich einmal mehr als Chronist der amerikanischen, der westlichen Lebensweise - ohne zu beschönigen, ohne zu verurteilen. Und seien die Gestalten auch noch so zwielichtig, für Neil Young sind sie eben ganz gewöhnliche Typen:

"... Ordinary people, tryin' to make their way to work
The downtown people, some are saints and some are jerks (yeah that's me)
Everyday people, stopping for a drink on their way to work
Alcoholic people, yeah yeah ..."

Neil Young - Chrome Dreams II, RepriseRecords/Warner 2007.
Ein Bild aus dem Booklet von
Neil Young auf dem Cover des Buches

Der Song lebt vor allem durch den Einsatz einer Bläsersektion, die immer und immer wieder dasselbe Thema in voller Fahrt schmettert. Dazwischen bleibt Platz für Improvisationen und es wird geschickt mit der Dynamik gespielt - die E-Gitarren von Neil Young und Frank "Poncho" Sampedro heulen mal heftig und laut, mal kitzeln sie leise. Der brüchige, zweistimmige Gesang erfüllt die Wörter mit derart viel Leben, dass man - wie bei den besten Neil Young-Songs - ganze Filme vor sich ablaufen sieht, und zwar ohne zeitlichen Fixpunkt, in ständigem Wechsel zwischen Nahaufnahme und Totale. Die Nummer rührt aus der Zeit um 1990 und könnte, auch was Produktion und Sound betrifft, vom 89er-Werk "Freedom" stammen - darauf befindet sich auch der hymnische Rockkracher "Rockin' In The Free World". "Ordinary People" ist wie die überlange B-Seite davon. Übrigens: Meister Young schickte an Radiostationen just diese Nummer, um die Platte vorzustellen - ein Schelm, wer da an ernsthafte PR-Arbeit denkt.

Das gesamte Album wechselt zwischen zerbrechlichen, akustischen Nummern und stampfenden Rockern, die von Youngs unverkennbarem Gitarrensound getragen werden. Mit dabei sind diesmal vor allem Ralph Molina an den Drums (von Neil Youngs altgedienter Garage-Rock-Band Crazy Horse), der treue Weggefährte Ben Keith an der Slidegitarre sowie Rick Rosas am Bass. Niko Bolas, der auch beispielsweise bei "Freedom" mit Young zusammenarbeitete, hat die Platte co-produziert. Fast allen Songs auf "Chrome Dreams II" wohnt eine starke, spirituelle Haltung inne ("Shining Light", "Spirit Road"), die bei Neil Young aber keiner Weltreligion entspringt, sondern sich aus seinem Ein Bild aus dem Booklet von "Chrome Dreams II" zeigt den Meister beim Recorden - daneben an der Slide-Gitarre: der alte Weggefährte Ben Keith, Bild: SN/RepriseRecords/WarnerGlauben an die Natur, die Familie oder eine menschliche Urkraft speist. Das mag dem ein oder anderen ein müdes Lächeln abringen, Neil Young ist das egal. Seine Poesie ist ebenso ungeschminkt wie seine (meistens) rohe Musik, die an manchen Stellen genau deshalb so unglaublich tief reicht. Zudem ist der Mann einer der wenigen im Rock-Olymp, der mit Würde altern kann.

Der Song "Dirty Old Man" ist quasi der bunte Hund auf dem Album. US-Regisseur Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer", "Philadelphia"), welcher 2005 von Neil Young ein eher lahmes Nostalgie-Konzertvideo namens "Heart Of Gold" produzierte, wollte Neil Young sogar dazu bringen, den Song nicht auf das Album zu packen. Aber gerade die Widersprüche und die offensive Anerkennung der menschlichen Schattenseiten und Fehler sind es, die Neil Young immer schon ausgezeichnet haben. Und so stampfen und zucken sie durch Zeilen wie: "Got caught with the Boss's wife in the parking lot, I'm gonna get killed for doing this again, I just can't help it, it's under my skin - I'm a dirty old man!"

"No Hidden Path" ist ein weiterer 15-minütiger E-Gitarren-Exkurs und erinnert musikalisch ein wenig an youngsche Großtaten a la "Down By The River" von 1969 - nur das diesmal niemand erschossen wird, sondern Sonne und Ozean beschworen werden, über einen hinwegzufegen. Den Schlusspunkt auf dem abwechslungsreichen Werk markiert das bezaubernde "The Way", samt Kinderchor, und entlässt den Hörer mit der schönen Hoffnung, immer wieder den Weg Nachhaus zu finden, und wird's auch noch so dunkel.

Neil Young konnte in den letzen Jahren dem Tod manchmal gerade noch von der Schippe springen - er wurde beispielsweise 2004 wegen eines Hirnaneurysmas operiert. Doch der Mann geht unbeirrt weiter, veröffentlicht ungemein konträre Alben, wie auch schon in den äußerst kreativen Neunzigern. Manchmal fällt er mit seinen Ideen und Visionen bei der Kritik gnadenlos durch, wie zum Beispiel mit seinem Öko-Familien-Epos "Greendale" (2003). Auch sein explizit Bush- und Amerika-kritisches "Living With War" (2006) wurde äußerst gespalten aufgenommen. Doch mag sein Credo zwar "It's all one song" lauten, so ist er doch ein Magier der Stil-Vielfalt. Die Songs mögen immer die gleichen sein, das Genre und die Intentionen dahinter verändern sich bis heute ständig - und in seinen Liedern bezieht Neil Young weiterhin klar Stellung. Wenn Rock'n'Roll Bewegung heißt (nach vorne, zur Seite, nach unten und zurück), dann sitzt Neil Young seit 40 Jahren und heute noch am Steuer. Und wer war gleich Bob Dylan?

# Robert Innerhofer

INTERNET:
www.neilyoung.com
Offizielle Homepage von Neil Young, "Neil's Garage"


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