Größtenteils gelungener Soundtrack zum Dylan Film "I'm not there"
Mit Alben voller Bob Dylan Coverversionen ist das ja so eine Sache, weil man berechtigterweise fragen kann: braucht man sie? Da Dylan selbst mittlerweile einhellig irgendwo zwischen "legendäres Genie" und "geniale Legende" eingeordnet wird, sind Alben mit seinen Songs eine sichere Bank. Momentan steht ja auch wieder pünktlich zum Weihnachtsgeschäft eine neue "Best Of" mit den eh immer gleichen Songs in den Läden.
Zwar macht sich dieser Soundtrack bezüglich des Timings auch ein bisschen verdächtig, da der Film bei uns erst im nächsten Jahr startet, allerdings hat Todd Haynes ein auf dem Papier und laut Kritik interessantes Bob Dylan Porträt gedreht. Gleich sechs verschiedene Schauspieler (unter anderem Richard Gere, Christian Bale, Heath Ledger und Cate Blanchett) spielen His Bobness in verschieden Lebens- und Schaffensperioden und dürften so dem Chamäleon Bob Dylan recht nahe kommen.
Der Film ist dementsprechend voll mit Dylans Songs, die eine illustre Schar von Musikern für diesen Soundtrack eingespielt haben - soviel zur Daseinsberechtigung dieses Albums und zum nächsten Problem. Man kann es mit Dylan Covers nämlich Fans und Kritikern nur sehr schwer recht machen. Bleibt man in seiner Interpretation zu nahe am Original wird man für Mutlosigkeit getadelt und des Kniefalls bezichtigt, modernisiert man die Lieder allerdings (so wie Mark Ronson kürzlich) muss man sich den Vorwurf der Respektlosigkeit und Verhunzung gefallen lassen.
Diesem Soundtrack wird man letzteres nicht vorhalten können. Da die Songs im Film als Lieder aus den betreffenden Episoden in Dylans Leben funktionieren müssen, halten sie sich nahe an die Originale, was angesichts ihrer Funktion als Beitrag zu einem Film jede Menge Sinn macht. Große Modernisierungsexperimente wären hier fehl am Platz.
Und es gibt ja hier wirklich nicht viel zu sudern. Klar hält ein 33 Songs starkes Album wie dieses nicht auf die volle Länge durch, (vor allem CD2 enthält einige verzichtbare Versionen) aber der Großteil ist stark geworden.
Da haben wir zum Beispiel Altmeister und Dylan Weggefährten wie Richie Havens, der den "Tombstone Blues" zur Party werden lässt oder Roger McQuinn, der mit Unterstützung von Calexico "One more cup of coffee" seiert, wie in seinen besten Byrds Zeiten. Tausendsassa Eddie Vedder kann bei "All along the watchtower" eh fast nichts falsch machen, Jeff Tweedy bei "Simple twist of fate" auch nicht und Cat Powers "Stuck inside of mobile with the Memphis Blues again"...ach, die Frau könnte auch das Telefonbuch singen und es wäre toll.
Aber reden wir doch über die ganz großen Würfe. Mark Lanegans bedrohlich-unheimlich Version von "Man in the long black coat" etwa, oder Jim James & Calexicos sehnsüchtiges "Going to Acapulco" oder noch einmal Calexico, diesmal mit Charlotte Gainsbourg und einem behutsamen "Just like a woman". Welche Wendung dieses Lied plötzlich nimmt, wenn es eine Frau singt. Karen O. und die Million Dollar Bashers lassen mit "Highway 61 revisited" Dylans elektrischen Auftritt beim Newport Folkfestival wieder auferstehen und irgendwo zwischendrin singt Mason Jennings auf einmal völlig allein mit seiner Gitarre "The lonesome death of Hattie Carroll".
Der Vollständigkeit halber seien auch drei Ausfälle besprochen. Antony & the Johnsons gehen mit "Knockin' on heaven's door" fürchterlich auf die Nerven, aber einem so todgespielten Song kann man wohl mittlerweile nichts mehr abtrotzen. Glen Hansard & Marketa Irglova bemühen sich bei "You ain't going nowhere" ein bisschen zu sehr, einen happy song zu singen, dabei wäre die Melodie alleine fröhlich genug, da hätte man nicht so dick auftragen müssen. Und dann auch noch Jack Johnson, der offenbar wirklich nur einen Song singen kann. Unnötig, fad und unnötig fad.
Am Ende darf dann Dylan sogar noch selbst ran und zwar mit dem ausgegrabenen Titelstück, das er wohl seinerzeit mit The Band im Keller eingespielt hat und auf dem Dylan & The Band einfach Dylan & The Band sind. Übrigens, Sonic Youths weiter vorne gelandete, dicht-drängende Verzerrer-Version von "I'm not there" zeigt, wie man Dylan auch interpretieren könnte.
Lange Rede, kurzer Sinn - für Fans wie für Neueinsteiger gibt es genug Anreiz, sich diesen Soundtrack einmal anzuhören. Eine gut ausgewählte Übersicht über Dylans Schaffen ist es geworden, in der Klassiker ebenso Platz haben wie unbekannte und vergessene Lieder. Der Großteil der Starmusikerriege hat die Songs gut im Griff und tut im Endeffekt nichts anderes damit, als Dylan selbst, der seine Songs seit Jahrzehnten auf den Bühnen dieser Welt immer und immer wieder covert, interpretiert, weiter trägt und so lebendig hält.
# christoph schwarz
Internet:
http://www.imnotthere-movie.com/
Offizielle Homepage von "I'm not there"
www.bobdylan.com
Offizielle Homepage von Bob Dylan
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