Smells Like Neil Spirit: Der Godfather Of Grunge gab am Freitag, den 22.02., ein mächtiges Konzert im wackeligen Austria Center der Donau City. Die Chronologie eines Erdbebens.
Lichter überall auf dem Weg. Eine futuristische Bürostadt umgibt uns. Einer fragt: "Braucht ihr Neil Young-Karten?" Wir schütteln beim Vorbeigehen den Kopf und grinsen. Da hören wir ihn noch lamentieren: "Österreicher sind so deppert, da spielt einmal der Neil Young und keiner will hin!" Schnitt.
Die Saaldecke erinnert an ein riesiges Ufo, das jeden Moment mit heftigem Getöse über unseren Köpfen davonfliegen könnte. Pegi Young, die Ehefrau von Neil Young, bietet quasi als Support gefühlvollen Country-Rock, wir haben Zeit und hören zu. Schnitt.
Reihe 51, wir sitzen wieder. Und der Magier der leisen Entrücktheit sitzt in weißem Anzug alleine inmitten seiner Lieder und Instrumente (fünf, sechs Gitarren, Banjo, Orgel, Klavier), er wandelt zwischen ihnen umher, sucht Stück für Stück sorgfältig aus. Links hinten auf der Bühne steht ein Maler an seiner Staffelei und arbeitet, Neil Young beginnt mit "From Hank To Hendrix", einer Zeitreise. Jetzt malen beide. Schnitt.
Es folgt der "Ambulance Blues", eine direkte, abgebrühte Kritikerwatschen: "You are all just pissing in the wind ..." Niemand spielt die akustische Gitarre dreckiger, lässt die Bass-Saiten mehr krechzen, während schon wieder neue Klangfarben dazukommen. Die ganz hohen Gesangspassagen umschifft der 62-Jährige gekonnt. Zwischen raren Songs wird das leise, alternative-folkige Werk der frühen Siebziger im Hier und Heute neu gedeutet: "Don't Let It Bring You Down", "After The Goldrush", "Harvest", "Heart Of Gold", "A MAN NEEDS A MAID" - ich versinke unter einem Ufo. Schnitt und Pause.
Ein wenig Irritation einerseits und Glückseligkeit andererseits (sowie eine freudige Vorahnung auf das Kommende) dominiert nun die Konzertgeher, deren Alter von 16 bis 96 variiert. Alle sind da: ältere Damen und Herren, Girls and Boys, Rotzlöffel und Businessmen und Women, Lkw-Fahrer und Zahnärzte, Skater und Austropopper, Kurt Cobain-Fans, H+M-Shopper und Autostopper. Professionen und Generationen sind heute alle gleich stark vertreten. Für ein Schweinegeld. Wer schafft das sonst? Wer? Auf dem Weg zurück zu unserem Platz wiederholt ein junger Lockenkopf stoisch ein Wort: "R.O.C.K." Ich dreh mich um und "Mr. Soul" kracht los. Das nächste Kapitel ist eröffnet, kein Zurück mehr. Sitzen ist doof. Schnitt.
Der Magier der wütenden Dekonstruktion fährt mit seinem Gitarrendonnergrölen auf die Menge hernieder. Seine Freunde sind jetzt bei ihm. Er trägt nun einen beklecksten, schwarzen Anzug und stampft und federt von einem Bein auf das andere, führt wilde Verrenkungen auf, während er seine Gitarre liebt. Viele hat es schon aus ihren Sitzen gerissen, die "Dirty Old Men" machen es ihnen vor. Diese sind heute: Rick Rosas am Brumm-Bass, Ben Keith an Takt- und Schleich-Gitarre und Ralph Molina als Crazy Horse-Fundament am Schlagzeug. Pegi Young und Anthony Crawford unterstützen im Hintergrund. Und der Häuptling in ihrer Mitte tanzt im Feuerkreis, den sie bilden. Jetzt alle im Chor: "DOWN BY THE RIVER, I SHOT MY BABY!!!" Schnitt.
"Hey hey, my my, Rock'n'Roll can never die ... it's better to burn out than to fade away" - bei diesen Worten und der dazugehörigen akustischen Brachialgewalt brechen die
Dämme endgültig. Jeder, der will, rennt nach vorne. In einem Augenblick wird die intensive Versinnlichung der ersten Hälfte zu einem lebenshungrigen Massentaumel. Die Erde bebt nun - nicht nur im übertragenen Sinne, denn die Decke, der Boden, auf dem Bühne und Fans stehen, schwingt. Auch die, die sich nicht bewegen, bewegen sich auf und ab. Sogar die Bühnendeko und das Equipment fangen miteinander zu tanzen an. Pegi Young schaut ein wenig ängstlich und besorgt, doch alle bleiben gelassen. Scheiß (auf diese) Konstruktion! Schnitt.
Ein Sicherheitsmann flüstert Neil Young etwas, er weiß bescheid, lächelt kühn und sagt besonnen und ruhig zum Publikum: "They are worried about the building."
(Und sein Blick fragt: "All right?") Schnitt.
Ich swinge nun mit Grinsekatzenfresse in zweiter Reihe vor der Bühne. Um mich herum fliegen Hände, manche halten sich auch zurück, die ungute "Erdbewegung" sorgt für ein leicht mulmiges Gefühl. Es folgen "Winterlong" für Danny Whitten und "Powderfinger". Das epische "No Hidden Path" vom aktuellen Album "Chrome Dreams II" holt uns runter, taucht uns ein ins Soundmeer. Als Zugaben kredenzt Neil Young "Cinnamon Girl" und - jaaa! - "Rockin' In The Free World". Spätestens jetzt drehen wirklich alle durch und jeder spürt, dass die Bude wackelt. Der große alte Mann lässt es uns ein für alle mal rausschreien, und wir sorgen dafür, dass er sich heute den Rest gibt und vollends darin aufgeht. Smells Like Neil Spirit. Am Ende pflückt er genüsslich alle Saiten von seinem alten, schwarzen Werkzeug. Kein Schnitt. Die Halle tobt - und ihr Meister ist sichtlich gerührt.
Es ist jetzt fast halb eins, um acht haben "die Konzerte" begonnen, die letzte U-Bahn ist schon weg. Die Leute taumeln weiter, jetzt auf der Straße. Sie hätten allen Grund sauer zu sein, aber nach so einem Konzert, ist einem vieles egal. Und auf dem Weg überall Lichter.
# Robert Innerhofer
LINK:
Hier gibt's wackelig, aber eindrücklich Rockin' In The Free World vom Wien-Gig auf YouTube (gefilmt von einem ganz bösen Handy)
SETLIST:
01. From Hank To Hendrix
02. Ambulance Blues
03. Sad Movies
04. A Man Needs A Maid
05. Separate Ways
06. Try
07. Harvest
08. After The Gold Rush
09. Mellow My Mind
10. Love Art Blues
11. Don't Let It Bring You Down
12. Heart Of Gold
13. Old Man
14. Mr. Soul
15. Dirty Old Man
16. Spirit Road
17. Down By The River
18. Hey Hey, My My
19. Too Far Gone
20. Oh, Lonesome Me
21. Winterlong
22. Powderfinger
23. No Hidden Path
24. Cinnamon Girl
25. Rockin' In The Free World
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i'm a fool for staying home and having none
ich wär gern dabei gewesen. wenn ich das lese, noch mehr.
Nach diesem Wahnsinn in Wien ist die Chance auf eine Rückkehr sicherlich gegeben, aber bitte: Don't let it bring you down!