Starker HipHop aus Holland. Jazzig, Kreativ, Clever, (Ent)Spannend, und Positiv
Es gibt ihn noch, den guten HipHop. Den HipHop, der sich abseits von Angebervideos, Aggrolyrics, Titten und Knarren bewegt und der seine simple und ungeheuer flexible Grundstruktur des Sprechgesang über einfache Rhythmen kreativ verwendet.
Pete Philly & Perquisite aus Amsterdam machen genau das, machen es gut und dass sie es sich auch noch genauso vorgenommen haben, darf als Pluspunkt gelten. Immerhin offenbart sich Scheitern in der Kunst ja oft in der Diskrepanz zwischen Anspruch und adäquater Umsetzung.
In Amerika schießt der kunterbunte Produzent/Performer/Wunderwuzi Kayne West eh schon Löcher in die Gangsterrap Phalanx, doch wo der sich zu Teil schon Richtung Pop bewegt, bleiben Pete Philly & Perquisite beim HipHop und mischen ihn mit Soul, Klassik, Jazz, Reggae, R'n'B und auch sonst allem was ihnen in die Finger kommt.
2005 erschien ihr, nicht nur bei FRITZ begeistert rezipiertes, Debüt "Mindstate", gefolgt von einer kleinen Welttour, die sie mit eben Kayne West und James Brown auf die Bühne brachte. Jetzt also termingerecht der Nachfolger "Mystery repeats" und schon das Cover macht einmal mehr deutlich, dass die beiden mit Gepose wenig am Hut haben. Zwei Kinderfotos von ihnen sieht man da, drapiert auf Mamas Regal in schönen Billigrahmen. Auf der Rückseite sitzen sie vor einem wandgroßen Strandfoto, eine Ansicht, wie man sie gerne mal auf Postkarten von der Adria sieht. Im Booklet Fotos von Alltagsgegenständen, wie Zahnbürste, Gießkanne oder Halskette der Freundin und kurze Erläuterungen, wie diese Dinge mit den Songs zu tun haben.
Der Beiden Ansinnen, nämlich Natürlichkeit und natürliche Sounds zurückzubringen in Zeiten in denen künstliche Sounds dominieren, lässt sich deutlich erkennen und wird auf dem Opener "Clap Kick Flow" auch gleich sehr konsequent umgesetzt. Pete Philly baut mit nur seiner Stimme einen vielschichtigen Rhythmus, was am Ende weit weniger so klingt wie die typische Buff-Tschak Beatbox, als nach dem was Bobby McFerrin bei "Don't worry be happy" anstellt. Gleich darauf lassen sie in "Womb to tomb" die souligen Bläsersätze los, wobei die Trompete am Ende in ein jazziges Solo entkommt und in "Fish to fry" tapst ein 3-Uhr-früh-in-der-Bar Jazzpiano wackelnd über einen gemütlich laufenden Rhythmus, doch am Ende kippt der Song in einen Reggae Chor. "Q&A" wirkt auf den ersten Blick wie der obligatorische klassische Hey-Ho Track, den jede HipHop Combo rausschmeißen muss, damit die Leute live mitgehen, entpuppt sich bei genauem Hinhören aber als augenzwinkernde Abrechnung mit eben diesen Erwartungen.
"Hey! Say! They want some Ho Hey
so you just deliever and give 'em Q&A"
Worum es ihnen wirklich geht machen sie dann noch einmal klar.
"Lyrics gotta be deep
No they gotta be real
Represent something that I feel"
Es folgt "Believer", eine kleine Liebesgeschichte und ein astreiner R'n'B Track mit jeder Menge honigsüßer Harmonyvocals, die auch Erykah Badu stolz machen würden. "Awake" kommt dann dafür als flirrendes Elektronikexperiment daher und "Traveller" wickelt dich mit einer Flamenco Gitarre ein. Nur "Balance" und "Empire" können ein wenig nerven, weil ersterer klingt wie ein fader Gentlemen Song und zweiterer wie ein guter Gentlemen Song. Dafür versteckt sich kurz vor Schluss mit "High tide" ein kleines Highlight. Die klassische Musik, die auf dem ganzen Album immer wieder mal in Streichern ("Mystery repeats") oder kleinen Klavierfiguren aufblitzt, bekommt hier ihren großen Auftritt, wenn Pete Philly über eine Pianomelodie rappt, die ein Menuett hätte sein können.
Die beiden setzen sich musikalisch keine Grenzen und haben das alles wunderbar im Griff. "Mystery repeats" ist eine Platte aus einem Guss, mit viel Hirn und Seele und auf 60 Minuten und 15 Tracks fast ein wenig lang.
Pete Philly erzählt uns mit einer facettenreichen Stimme, mal exakt und kantig, mal entspannt herumlungernd, Geschichten aus dem Alltag, singt den "Last Love Song" und sinniert über Vergänglichkeit, während Perquisite wieder die warme, luftige Produktion ausbreitet, die Kollege Innerhofer in seiner "Mindstate" Rezension schon lobend hervorgehoben hat und die die Songs zu keiner Zeit überfrachtet.
Wenn das Debüt Sommerregen war, ist "Mystery repeats" ein schöner, lauer Sommerabend.
# christoph schwarz
Internet:
http://www.petephillyandperquisite.com/
Offizielle Website von Pete Philly & Perquisite
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