Nick Cave, der Großmeister der Grautöne, und seine "Böse Saat" rocken auf "Dig, Lazarus, Dig!!!" geradliniger, funkiger und cooler als je zuvor. Ab in die (un)heilige Disco!
Mit spitzer Feder über Gott und Teufel sowie ihren menschlichen Ausformungen und den Spannungen dazwischen zu singen, ist nichts Neues für den mittlerweile 50-jährigen, schlitzohrigen "Fürst der Finsternis". So greift Nick Cave auch auf seiner neuen Scheibe "Dig, Lazarus, Dig!!!" Geschichten über Märtyrer und Frevler auf und setzt diese mit der heutigen Gesellschaft in Verbindung. Er nimmt alte biblische Themen und stülpt sie gegenwärtigen Figuren über - und zwar voller Sarkasmus. Gerade der Titeltrack funktioniert genau so. Die Lyrik des Nick Cave ist niemals bloß Mittel zum Zweck, sondern essentieller Sinngehalt und Antrieb. Das war immer so, wenngleich sich musikalisch einiges getan hat ...
Sturm und Drang
Schon in den Anfangstagen mit der Punk-Kapelle Birthday Party in West-Berlin sorgte der gebürtige Australier für Furore. 1984 wurden The Bad Seeds ins Leben gerufen und wüteten als wuchtiges, vielköpfiges Blues- und Brachialrock-Ungeheuer über die Bühnen des Untergrunds. Bis heute sind die Bad Seeds an Nick Caves Seite, wenngleich von der aller ersten Aufstellung nur noch Mick Harvey dabei ist.
Vor allem zu Beginn ihres Zusammenspiels wussten die Seeds die brutalen Texte ihres Chefs mit entfesselten Lärmorgien zu verbinden. Songs wie "Tupelo", eine dunkle Beschreibung der Geburtsstadt eines gewissen Elvis Aaron Presley, oder "The Mercy Seat", die Geschichte eines zum Tode verurteilten Mörders, bewegen sich am Abgrund und stecken voller Verzweiflung, die in blanke Wut umgekehrt wird. Die Schuldfrage des Einzelnen und der ganzen verdammten Welt, in der dieser steckt, wurde - und wird in veränderter Form noch immer - zentral thematisiert. Nick Caves Drogensucht fiel ebenfalls in diese Zeit.
Blutige Romantik
Liebe und Verlust waren stets der andere große Themenblock im Cave'schen Songuniversum. Exemplarisch erwähnt seien hier der großartige Schmachtfetzen "The Ship Song" sowie die Düsterballade "The Weeping Song", beide von 1990. Mit dem morbiden Liebeslied "Where The Wild Roses Grow", ein Duett mit der damals mehr als erträglichen Kylie Minogue als "Opfer", gelang Nick Cave 1996 als "Mörder" sein größter Hit - zu finden auf dem Album mit dem programmatischen Titel "Murder Ballads". Darauf gab's auch etwas unverblümtere Thriller, die Gewaltsorgie "Stagger Lee" zum Beispiel.
Ein Jahr später, 1997, präsentierte sich Nick Cave auf "The Boatman's Call" erwachsener und leiser als je zuvor, doch nicht weniger dunkelblau. Das abwechslungsreiche Schlachtfeld der Liebe und biblische Motive wurden darauf in völlig reduzierter Form, oft resignierend, selten jubilierend, besungen. Das üppigere, zum Teil mit eiskalter Ironie operierende "No More Shall We Part" (2001) knüpfte da nahtlos an. In dieser vor Melancholie triefenden Schaffenszeit spielten die Bad Seeds und ihr Meister weitgehend zurückhaltend und filigran. Ein künstlerischer Höhepunkt.
Der Autor und Allround-Künstler
1989 veröffentlichte Nick Cave einen Roman namens "And The Ass Saw The Angel" (deutsch: "Und die Eselin sah den Engel"). Für die Wiener Schule für Dichtung fungierte er bereits als Gastdozent und 2005 schrieb er das Drehbuch und den Soundtrack zum Western "The Proposition", ein harter und grandioser Stoff über Outlaws der australischen Prärie. Auch zuletzt steuerte Cave gemeinsam mit Bad Seeds-Kollegen Warren Ellis wieder sphärische Musik zu einem Western bei und spielte in "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" eine kleine Gastrolle als Saloon-Sänger.
Neuer Schwung
Nach dem Ausstieg des langjährigen Bandkollegen Blixa Bargeld (Chef der Einstürzenden Neubauten) im Jahre 2003, schien Nick Cave mit neuem Schwung ans Werk zu gehen. Auf die ruhigen Vorgängerplatten und das letzte gemeinsame Werk "Nocturama" (2003) folgte das mächtige Doppelalbum "Abbatoir Blues/The Lyre Of Orpheus" (2004). Auf diesem mixte Nick Cave alle bislang erprobten Stile zu einem unglaublich spannenden, großen Ganzen und ließ sich dabei von einem Gospelchor unterstützen. Und die Bad Seeds entdeckten ihre alte Härte und Wucht wieder. Doch neben schweren musikalischen Brocken wurde nun auch ungewohnt leichtfüßig musiziert (z.B. Singles wie "Breathless" oder "Nature Boy").
Lazarus
Dieser eingeschlagene Weg findet jetzt auf "Dig, Lazarus, Dig!!!" seinen bisherigen Höhepunkt. Die Bad Seeds haben sich längst von einer Underground-Kapelle zu einer rollenden Sound-Firma entwickelt, die sich permanent auf der Suche nach dem außergewöhnlichen Klang befindet. Und Nick Cave schreibt heute "poppiger" und treibender als je zuvor.
Schon der funky Titeltrack hat diesen unverschämten Shuffle, wo man einfach mitzappeln muss. Das Ganze lässig zu nennen, wäre leicht untertrieben. Nick Cave hat spätestens mit dem rohen Nebenprojekt Grinderman (2007) einen neuen Level in seinem Songwriting erreicht. Nach Piano- und Geigenklängen früherer Alben sucht man auch diesmal wieder vergebens.
Was einst - verkürzt gesprochen - entweder als filigrane Ballade oder als scheppernder Brachialblues aus den Lautsprechern plumpste, kommt jetzt in allen Schattierungen transparent, gelegentlich mantra-artig (z.B. "Night Of The Lotus Eaters") oder eingängig und gerade-aus-rockend daher ("Albert Goes West", "Lie Down Here", "Midnight Man"). Ein paar ruhigere bzw. ernstere Nummern lassen einem zwischendurch Zeit zum Atmen (z.B. "Jesus Of The Moon"). "More News From Nowhere" rollt am Ende entspannt ins Nichts hinaus und enthält nebenbei das perfekte Gitarrenriff. Bei all dem verbeissen sich die Bad Seeds und ihr Chef liebend gern in Loops und Effekte, so wie räudige Hunde in saftige Knochen.
Die Songs auf "Dig, Lazarus, Dig!!!" sind partytaugliche Denkaufgaben - und zwar mit Texten, Melodien und Arrangements, die sich nicht gewaschen haben. Dieser vermeintliche Fortschritt ist aber eine Rückbesinnung auf altbewährte Hitformeln des Rock'n'Roll - allerdings vorgetragen mit einer enormen Stilsicherheit, mit einem lyrischen Überschwall, der jenem eines Bob Dylan mindestens ebenbürtig ist, und von einer Band intoniert, die sich scheinbar blind versteht und ständig neu erfindet.
Noch nie haben die Bad "funky" Seeds und der coole Schnauzer in ihrer Mitte ein moderneres Album abgeliefert. Nick Cave hat die Formeln des Songwritings in allen Nuancen erspürt, er hat als Sänger selten besser geschauspielert und stöbert weiter im Reich der poetischen Möglichkeiten (Ironisches, Verliebtes, Sprirituelles, Schlüpfriges, ...) um irgendwann aus seinem reichen Fundus zu schöpfen. Zum Beispiel am 25. Mai 2008 in Wien. In diesem Sinne: "Work, Nicholas, Work!!!"
# Robert Innerhofer
Songliste:
1. Dig, Lazarus, Dig!!! - sehr bitter - und macht tierisch Spaß
2. Today's Lesson - die Party geht weiter ...
3. Moonland - smoooooth
4. Night Of The Lotus Eaters - mystisch und düster
5. Albert Goes West - It's only Rock'n'Roll (but I like it!)
6. We Call Upon The Author - ein dampfendes Monster
7. Hold On To Yourself - eine traurige Wüstenballade
8. Lie Down Here (And Be My Girl) - It's only Rock'n'Roll (but I like it!)-Teil 2
9. Jesus Of The Moon - eine Schunkelballade, kosmisch
10. Midnight Man - smoooooth im Aufbau, expressiv im Abgang
11. More News From Nowhere - der Höhepubkt am Ende, ein Song, der niemals aufhört ...
Video:
Hier geht's zum Video von "Dig, Lazarus, Dig!!!" auf YouTube - eine schauspielerische Glanzleistung, die zum Brüllen komisch ist
Weitere Links:
www.nickcaveandthebadseeds.com
Offizielle Homepage von Nick Cave und den Bad Seeds
www.myspace.com/nickcaveandthebadseeds
Nick Cave auf MySpace mit dem kompletten Album zum Anhören
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weils so lustig ist, mach ich mir die mühe, und tipp den anfang des nick-cave-interviews in der aktuellen spex ab:
spex: gibt es das st. james hotel, von dem du in deinem neuen song "jesus of the moon" singst, wirklich?
nick cave: ja, es handelt sich um ein hotel in brighton, der stadt, in der ich lebe.
spex: die frage war anders gemeint.
nick cave: hm. wie denn?
spex: das st. james hotel taucht als referenz immer wieder in alten bluesstücken auf.
nick cave: wo denn?
spex: bei louis armstrong etwa, da heißt ...
nick cave: ... es aber st. james infirmary. ein infirmary ist ein hospital, kein hotel.
spex: bob dylan singt in seinem song "blind willie mctell" ...
nick cave: ... dylan hat einen song geschrieben, in dem das st. james hotel auftaucht?
spex: dylan singt: power and greed (weiterer text, anm. lungenkuss)
nick cave: kleiner scherz. natürlich kenne ich den song.
...
no more shall we part auf eiskalte ironie reduzieren - das geht aber schon überhaupt nicht, mein freund!
"God Is In The House" von "No More Shall We Part" nimmt sich ja zum Beispiel auf zynische und humorvolle Art und Weise, der von Katholizismus geprägten US-amerikanischen Kleinbürgerlichkeit an, "...Oh, I wish he would come out". "Fifteen Feet Of Pure White Snow" funktioniert ähnlich.
Und wenn dich "Jesus Of The Moon" und "Albert Goes West" nicht begeistern, na dann hör dir doch die Hits der Einstürzenden Neubauten an (was du bestimmt auch tun wirst, mein Freund! :-)
Danke für den Interview-Einstieg, hihi
und zu "no more ...": ja eh. aber doch nicht das ganze album. bei weitem nicht. oder glaubst du, "love letter" sei "nicht so gemeint"? ;-)
Und ja - die Suche nach dem perfekten Piano-Liebeslied ging auf "No More Shall We Part" weiter. Dazu kamen aber gaaanz andere Ansätze - und ich sag auch nicht, dass das ganze Album so ist, aber eben anknüpfend (ans Ruhige) und mit eiskalter Ironie operierend, wart mal, da füg ich doch noch "zum Teil" ein, weil das gehört schon relativiert!
für deine sensible haltung danke ich und verbleibe mit einem gerade daraus resultierenden freundlichen i'm still standing, yeah yeah yeah.