Über 10 Jahre nach ihrem letzten Album lassen Portishead mit "Third" den TripHop hinter sich und stehen jetzt zum Teil in der Nähe des Industrial und meistens allein auf weiter Flur. Great stuff!
11 Jahre ist es her, dass wir von Portishead den letzten frischen Ton gehört haben. Das bis dato letzte Portishead Album - "Roseland NYC" von 1998 - war ein Live Album, ein Jahr zuvor erschien "Portishead". Eine Ewigkeit, vorallem im Popgeschäft. Selbst wenn sich die Band nie offiziell aufgelöst hat, hat man doch nicht damit gerechnet von ihnen noch mal etwas zu hören. Geoff Barrow, Beth Gibbons und Adrian Utley kratzen solche Gedanken offenbar wenig. Sie nennen ihr neues Werk einfach "Third" und sprechen davon, dass die Platte eine logische und normale Weiterentwicklung ihres Sounds sei. Hätte halt etwas länger gedauert, sei aber eine völlig organische Entwicklung.
Nun sind halt Portishead nicht irgendjemand. Zusammen mit Tricky und Massive Attack bildeten sie in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre die Speerspitze eines neuen Sounds den man Trip Hop nannte, einer düster-melancholischen Musik auf der Basis von langsamen Hip Hop und Elektronik Beats. Dazu diese über 10 Jahre Abstand und es fällt schwer sich dem neuen Album unvoreingenommen und ohne große Erwartungen und Respekt zu nähern.
Am Anfang klingt einiges vertraut. Obwohl sie gleich auf dem Opener "Silence" das Tempo anziehen und schneller sind als auf allen Alben zuvor, haben die ersten vier Tracks viel von der Düsternis der Vorgängeralben. Die Veränderungen schimmern nach und nach durch. Wo man früher immer eine Hookline in ihren Songs fand oder einen Groove in den man kippen konnte, drehen Portishead heute der Eingängigkeit konsequent den Saft ab. Das bisschen Pop das ihre Songs früher hatten, wird hier systematisch gekillt.
"Silence" hört just in dem Moment einfach auf, in dem sich ein E-Gitarren Riff entwickelt. "Hunter" zerstört seinen traumwandlerischen Fluss mit einem hundsgemeinen E-Gitarrenbrummen und einem Super-Mario-hat-die-Feuerblume-gepflückt Sound. "The Rip" klingt als würde es auf dem Boden eines leeren Getreidesilos gespielt. Musikalisch gehen Portishead hier noch weiter auf Distanz als in ihrem bisherigen Werk. Und das schon bevor mit "Plastic" der wirkliche Bruch - oder das was die Band eben als organische Entwicklung bezeichnet - kommt.
Ab hier ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Der Song entwickelt zu keiner Zeit so etwas wie einen Fluss, sondern bricht immer wieder ab, bäumt sich auf, stürzt wieder ab, strebt mit theatralischen Pauken nach oben, wo ihn Synth-Streicher wieder absägen. Portishead geben uns ab hier nichts mehr zum Festhalten. "We carry on" hämmert wie ein Stanzwerk, man kann die industriellen Kolben richtig pumpen sehen. Die Sounds werden unangenehmer und kälter, die Arrangements komplexer und lauter und spätestens mit "Machine Gun" erreicht die Band eine Härte, um die sie Trent Reznor beneiden würde. Der Song haut einem eine Salve nach der anderen um die Ohren, immer stärker werden die Verfremdungseffekte, bis einem am Ende, wenn der Song in Blade Runner Synthesizern mündet, fast die Ohren bluten. Die Welt so wie Portishead sie sehen ist kalt, rau und dunkel, der Mensch ist isoliert. Wäre da nicht die Sängerin.
Beth Gibbons singt unverwechselbar, eindringlich und überzeugend wie eh und je. Zusammen mit Engelschören wendet sie sich in "Machine Gun" an den Erlöser, erzählt in "The Rip" (eine der schönsten Melodien auf dem Album) von weißen Pferden, die sie holen kommen und fragt sich in "Nylon Smile" womit sie den Menschen, ohne den sie nicht mehr leben kann, eigentlich verdient hat. Und wie sie so hofft, leidet, verzweifelt und fleht ist sie das einzig Menschliche, dass in dieser Welt noch übrig geblieben ist.
Wie Portishead es gesagt und angelegt haben, gehen sie mit "Third" weiter konsequent den Weg, den sie mit ihren beiden bisherigen Alben eingeschlagen haben. Schon "Portishead" war kantiger, kratzbürstiger und distanzierter als das Debüt "Dummy" und "Third" macht nun radikal den nächsten Schritt. Zu Melancholie, Schmerz und Verzweiflung gesellt sich hier erstmals die Wut.
Und "Third" ist außerdem so gut wie alle sagen. Portishead bewahren sich ihre Relevanz und zeigen, dass es sehr wohl noch eigene Decken gibt nach denen man sich strecken kann.
# christoph schwarz
Internet:
http://www.portishead.co.uk/
Offizielle Homepage von Portishead
http://www.myspace.com/PORTISHEADALBUM3
Portishead bei MySpace
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