Bernhard Flieher ein wenig weitergedacht.
Anlässlich des neuen R.E.M.-Albums "Accelerate" veröffentlichte Bernhard Flieher (SN) am Freitag, 28. März 2008, einen Artikel, in dem es neben der Band aus Athens um zwei Dinge ging: die Krise der Popszene und das, was Pop zu sein hat.
Fliehers Popideal besagt, dass Pop nichts in der Vergangenheit zu suchen hat, als Anmaßung formuliert gehört, Projektionsfläche für Euphorie und Depression ist, einen absurden aber ernst zu nehmenden besseren Weltentwurf bietet. Die Krise sieht so aus: Stagnation. Kreative Not. Anhaltende Hinwendung zum Gestern.
Von der kaum zulässigen Dramatisierung, von Pop zu reden, aber nur Gitarrenrock zu meinen, soll hier abgesehen werden - interessanter ist die Frage: Wann war Pop (das Gitarrenzeugs!) zuletzt nicht in der Krise?
Die Gesamtheit der sich selber als "intelligent" ansehenden und dem Konsumenten als "intelligent" vermarkteten Rocker und Popper - von einer "Szene" zu sprechen, würde auch hier zu kurz greifen - zehrt nach wie vor an den Erkenntnissen des Punk, hinter die es kein Zurück gibt. Die Gitarrenbands der nuller Jahre nehmen genau von da ihre Wildheit und kleiden sie in H&M-Klamotten: dreckiger Sound mit sexy-süßer Optik.
Pophistorisch gesehen war Punk die letzte weiße musikalische Revolution, die letzte erfolgreiche weiße Subversionsbemühung im Pop, und alles, was danach hohe Wellen geschlagen hatte, gehört genealogisch in diese Tradition. New Wave, Hardcore, Industrial, Grunge haben den gleichen Ursprung.
Eine Popkrise just an dem Fakt festzumachen, dass eine der richtig großen, dem "Popkanon der Kenner" angehörenden Rockbands, die schon seit Urzeiten im Geschäft ist, ein Album macht, das "wie früher" rockt, ist zwar eine diskussionswürdige journalistische Zuschreibung, aber letztlich ein Kurzschluss. Ein Retrotrend, der im Übrigen auch von der "Qualitätsmusikpresse" (Spex abwärts) gefeiert und mitgetragen wird, ist nicht ident mit einer Krise - so sehr über eine solche zu schreiben dem kulturpessimistischen romantischen Idealist auch Befriedigung verschaffen würde.
Fliehers Popideal ist - wenn man es personifiziert - ein frecher Rotzbub: klein, laut und ohne Manieren. In der spätkapitalistischen Realität lässt er sich allerdings von seinen reichen Industrieonkeln schon seit langem (streng genommen seit immer, aber so viel rücksichtslose Zerstörung von Indie-Romantik ist sogar mir zu viel; außerdem darf "indie" und "alternative" durchaus noch als Fluchtpunkt ge- und durchdacht werden) das Erwachsenwerden/-sein versüßen, begleitet Hausfrauen freundlich im Supermarkt und hat mittlerweile auch den generation gap still und leise geschlossen. Deshalb, und weil das neue R.E.M.-Zeug tatsächlich ganz nett rockt, dürfte die Band als Frequency-Headliner bei den dort feiernden Kids gut ankommen und locker mit 7 von 10 gerissenen Jungfernhäutchen bewertet werden.



