Bei der Berichterstattung über die Berichterstattung zum Amstettener Kriminalfall fällt eines auf: Die anderen sind immer die Bösen. Ein Beispiel.
Nina Horaczek schreibt in der Onlineausgabe der "Zeit":
"In Österreich ergötzt sich die Boulevardpresse an dem Inzest-Drama in Amstetten."
Dann wird die Wiener Medienrechtsexpertin Maria Windhager zum Deutschland-Österreich-Medienunterschied mit dem unfassbaren Satz zitiert:
"Und zweitens gibt es in Deutschland nicht nur Boulevard, sondern auch Qualitätsmedien."
Horaczek weiter:
"In Österreich hingegen sei die Boulvardisierung viel weiter vorangeschritten. So hat auch der öffentlich-rechtliche ORF, eigentlich die Speerspitze des seriösen Journalismus im Land, den vollen Namen des Täters veröffentlicht."
Ein paar Bildschirmmillimeter entfernt bietet uns die "Zeit" ein Video, in dem auch der volle Name des Täters zu hören ist. Mit einer solch überheblichen Berichterstattung macht sich ein vermeintliches "Qualitätsblatt" lächerlich, und wenn österreichische Medienrechtsexpertinnen in einem Anfall an pseudointellektueller Deutschland-Affirmation Österreich als vom Boulevard restlos überschwemmtes Trottelland denunzieren, braucht man sich nicht zu wundern, wenn ausländische Medien in rekordverdächtig präziser Ursache-Wirkungs-Forschung auf die Idee kommen, dass eventuell ja der österreichische Boden oder die Berge oder die Lederhosen ein Grund für massenhaft auftretende Keller-Freiheitsberaubung ist.
Dass dem brutal hetzenden Anklagejournalismus etwas entgegengesetzt gehört, ist klar. Was aber zu passieren scheint, ist nicht - wie für sich beansprucht - eine sanfte Herangehensweise mit Rücksicht auf die Opfer, sondern sind nicht minder aggressive PR-Aktionen der jeweiligen Blätter: die Berichterstattung der anderen als Hyänenjournalismus brandmarken und die eigene als dezent, fair und gut hinstellen. Hier tobt der Kampf um die Seriosität des Journalismus. Und der wird unseriös geführt.



