Auf die Faschingszeit folgt die Fastenzeit, auf Ausgelassenheit Enthaltsamkeit. Eine jahrhundertealte Tradition die heute belächelt oder gar nicht mehr wahrgenommen wird. In früheren Zeiten steckte aber System hinter diesem Wechsel von Feier- und Hungertagen. Während im Fasching das geregelte Leben auf den Kopf gestellt wurde und sich das einfache Volk auf eine Stufe mit den Oberen stellen durfte, fiel man in der Fastenzeit wieder auf den kalten Boden der Tatsachen zurück: Das Leben ist hart und voller Entbehrungen. Die kleinen Leute wurden kleingehalten, denn mehr zu verlangen ist unschicklich, ja unchristlich, denn nur wer enthaltsam und bescheiden lebt, schafft den Sprung ins Himmelreich, wo Fuhrknecht und Fürst dann wirklich gemeinsam auf einer Wolke sitzen. Auch heute wird wieder gefastet, aber nicht nur 40 Tage lang, viele Familien sind gezwungen in ständiger Fastenzeit zu leben, nämlich an der Schwelle zur Armut, und Jahr für Jahr werden die Preise höher und die Gehälter immer niedriger. Der Glaube an das Himmelreich scheint in unsren Zeiten verloren gegangen, denn dass sich Bussinesman und Bauarbeiter je auf einer gemeinsamen Wolke wieder finden, daran glaubt heute niemand mehr.
#thomas macher



