Neue Technologien verändern die Gewohnheiten der Menschen radikal. Wie Freundschaften im und durch das Internet entstehen können.
Wenn Menschen schwerwiegend erschüttert werden, ist jener von Glück gesegnet, dessen Familie bedingungslos zu ihm hält. Und der, der dann auch noch einen Freund an seiner Seite weiß, kann im Leben kaum mehr erreichen. Was sind also elektronische Briefe eines so genannten Freundes wert, wenn der Händedruck nur noch eine blasse Erinnerung ist?
Der Siegeszug des Internets ist nicht weniger als die größte kulturelle Revolution der Gegenwart. Einerseits als weltweiter Informationspool, andererseits als Plattform für grenzenlose Kommunikation bietet das WWW für den Einzelnen Möglichkeiten, die noch vor 20 Jahren wie Science-Fiction geklungen haben. Seit rund einem Jahrzehnt tummeln sich die Menschen in Chatrooms und Internetforen, um sich auszutauschen und Kontakte aus unterschiedlichsten Beweggründen zu knüpfen.
Klar, im geschäftigen Alltag, doch auch für den privaten Austausch, sind E-Mails mittlerweile unerlässlich geworden. Doch mit der Gewohnheit der sekundenschnellen Übermittlung erwartet und verlangt man als Nutzer oft genauso schnell wieder eine Antwort. Somit entsteht eine vom Internet gesteuerte, wahnwitzige Ungeduld als Indiz für die Schnelllebigkeit der Zeit.
Neuere Errungenschaften wie beispielsweise "Skype" bieten neben der herkömmlichen textlichen Kommunikation gar die Möglichkeit einer kostenlosen Internettelefonie rund um den Globus. Ein Umstand, der für das Aufrechterhalten von schon bestehenden Freundschaften, ungeachtet der geografischen Entfernung, bestimmt dienlich ist.
Neue und echte Freundschaften über das Netz zu schließen, kann wohl nur dann klappen, wenn man irgendwann auch in einen persönlichen, physischen Kontakt tritt. Somit dient das Internet vor allem als Starthilfe, um Leute kennen zu lernen. Dies geschieht ohne die üblichen Hemmschwellen, da beispielsweise kein Augenkontakt vorherrscht und die Partizipanten es mit der Wahrheit nicht unbedingt genau nehmen müssen.Die Partnerbörsen im Internet boomen Wenn man Freundschaft allerdings darüber definiert, schon einiges miteinander erlebt und durchgestanden zu haben, oder auch zu geben, ohne dafür immer etwas bekommen zu müssen, dann ist fraglich, ob solche Kontakte den Terminus "Freundschaft" verdienen.
Vor allem bei der Suche nach dem richtigen Partner erweist sich das Internet in den vergangenen Jahren aber als ungeahnt hilfreich.Wie Studienergebnisse zeigen, besuchten im Juli des Vorjahres 18 Prozent aller europäischen Internet-User oder 38,2 Mill. Menschen Onlineflirtseiten. Die Deutschen dürfen sich innerhalb Europas als die fleißigsten Onlineflirter bezeichnen. Wobei interessant ist, dass in den USA vergleichsweise nur halb so viele Online-Dating-Plattformen besucht werden wie in Europa.
Auch in Österreich steigt die Zahl derer, die sich über das Internet finden und sogar eine Familie gründen. Partnerbörsen im Internet boomen also und zeigen, dass das Web als Liebes- und Langzeitglücksfinder dienen kann und weit mehr ist als nur ein Riesenarchiv von pornografischen Inhalten.
Ein völlig anderes Szenario tut sich hingegen auf, wenn von vornherein keine Absicht auf einen "realen" Freundschaftskontakt besteht, sondern es gewünscht bleibt, die sichere Distanz zu waren. Ein Rollenspiel à la "Second Life" ist eine der Wirklichkeit nachempfundene Welt im Internet, in welcher jeder Teilnehmer seine eigene Figur kreieren kann und ein ganz normales Leben (oder auch nicht) bestreitet.
Strategische Fantasyspiele wie "World Of Warcraft" können Spieler förmlich verschlingen, so dass die Zwänge einer Gilde (so wird eine Gruppenbildung innerhalb des Spiels bezeichnet) weit wichtiger werden als die realen Bezugspersonen - Freunde und Familie. Hier kann eine Sucht entstehen, die Menschen dazu veranlasst, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche vor dem Computer zu verbringen.
In vielleicht 50 Jahren werden "Freundschaften", die durch neue Technologien entstehen, aber auch ganz anders aussehen können. Der nächste Schritt in Sachen Unterhaltung ist die Weiterentwicklung von herkömmlichen, zweidimensionalen Medien hin zu dreidimensionalen. Dann könnte ein Rechner beispielsweise den besten Freund des Menschen als Computeranimation erzeugen, die jederzeit ein- oder ausgeschalten werden kann, wann es dem Herrchen des virtuellen Hundes beliebt. Dinge wie Sterilisation, die Trümmerlproblematik und dergleichen hätten sich ein für alle mal erledigt. Zumindest für derartige Vierbeiner.
Die Chancen für Information, Unterhaltung und auch das In-Kontakt-Treten mit Menschen, die man über herkömmlichem Wege kaum erreichen würde, stehen innerhalb neuer Technologien also gut. Weitere bahnbrechende Entwicklungen werden nicht lange auf sich warten lassen. Für den Menschen des 21. Jahrhunderts wird es gerade deshalb unerlässlich bleiben, sich in der so genannten Wirklichkeit um echte Freundschaften zu bemühen.
# Robert Innerhofer
(als Beitrag zu den Goldegger Dialogen am 21.04.2007 in den SN)






























